31 Oktober 2007

Über den Sinn des Leidens. Fragen zur Theodizee-Problematik

Ausgangspunkt für diesen Artikel ist die Diskussion im Blog Lumen de Lumine, welche am Beispiel einer knapp 18-jährig an Knochenkrebs verstorbenen Opus-Dei-Angehörigen zur Theodizee-Problematik hinführte. Die Blog-Autorin meinte in einer Replik auf meine Postings, in denen ich u.a. auf einen Aufsatz von Prof. Streminger (hier nachzulesen) verwiesen hatte, u.a. folgendes:

Vielleicht ist die Theodizeefrage damit beantwortet (Es gibt keinen guten Gott), aber der eigentliche Kern des Theodizeeproblems (Was ist der Sinn des Leidens?) bleibt. Das ist etwa der Punkt, wo der Buddhismus ansetzt - weil es nämlich die Frage eines jeden Menschen ist, der leidet oder der Leid miterlebt. Die klassische Theodizeefrage ist hingegen m. E. eine rein akademische, also nicht die Frage des Leidenden selbst. Deshalb ist er auch bei Skeptikern so beliebt, weil man sie ewig weiterspinnen und sich dabei gut und aufgeklärt vorkommen kann... Das Theodizeeproblem ist viel schwergewichtiger, da es sich dabei um ein wirkliches menschliches Problem handelt. Der Buddhismus beantwortet es mit der Überwindung des Leidens durch die Überwindung der Existenz an sich. Das Christentum beantwortet es - mit Hinweis auf die göttliche Offenbarung durch den "leidenden Gott" - mit der Annahme des Leidens, die dann letztlich durch die Güte Gottes in ewige Freude und Herrlichkeit verwandelt wird.

Damit ist ein zentrales Problem angesprochen: unabhängig davon, ob ich die Theodizeefrage als (negativ) gelöst, als derzeit noch ungelöst oder als überhaupt unlösbar betrachte — die Frage nach dem Sinn des Leidens bleibt bestehen, solange das Leiden bestehen bleibt. Und es gibt wenig Ansatzpunkte, auf ein Ende desselben in absehbarer Zeit zu hoffen. Nur die Überzeugung, die Theodizeefrage sei in positivem Sinne als gelöst anzusehen, käme über diese Problematik hinweg, da damit dann auch der (höhere) Sinn des Leidens feststünde. Doch genau das führt uns wieder zur (als "akademisch" gescholtenen) Theodizeefrage zurück ...

Ein anderer Poster versuchte den gordischen Knoten durch eine einfühlsame Schilderung der Todesumstände seiner Mutter zu lösen. So sehr jedoch im geschilderten Fall dieser Tod, dieses ihr "Abschiednehmen und Versöhnen mit den Mitmenschen" den Umständen nach als geglückt anzusehen ist, so wenig löst er jedoch die prinzipielle Frage: wäre all das nicht auch weit weniger leidvoll möglich? Wäre es nicht — Gottes Güte vorausgesetzt — sogar überhaupt leidlos wertvoller, weil eben nicht im Verdacht, durch ein "Not-lehrt-beten" hervorgerufen zu sein?

Es ist richtig: seit Epikur dreht sich die Theodizee-Frage im Kreis. Und spätestens seit Buddha wohl auch das Leidensproblem in seiner weiteren Fragestellung. All die Entwicklungen der Philosophie über die Jahrtausende hinweg scheinen nichts weiter gebracht zu haben, als bemühte Scheinlösungen, als den schalen Trost einer Formalisierung des Problems — so, als ob einem Hungernden durch die wissenschaftliche Darlegung der Gefährlichkeit von Überernährung geholfen würde ...

Worin nun kann der Sinn des Leidens denkmöglich liegen? Wenn ich die jenseitigen Tröstungen der Religion außer Acht lasse, dann wohl nur in einem höheren diesseitigen Wert — der aber dann notwendigerweise das Individuum übersteigen müßte. Daß einzelne Leiden vom Menschen wegen anderer Vorteile für ihn selbst in Kauf zu nehmen sind, ist ohnehin einleuchtend. Doch was, wenn quasi einer zahlt, andere jedoch profitieren? Wenn ich aus einem kollektivistischen Standpunkt heraus das Leiden des Einzelnen füm Wohlergehen der Gruppe akzeptiere, lande ich in kürzester Zeit bei der Klassengemeinschaft oder bei der Vergötzung von Volk und/oder Rasse. Auch dies scheint kein gangbarer Weg — wenigstens nicht für Individualisten.

Die "wissenschaftliche" Antwort, unsere Leiden seien eben der Preis für die sexuelle Fortpflanzung des Menschen, quasi als notwendiger Motor in die Zuchtwahl der Evolution eingebaut, greift ebenso zu kurz. Meine Gene mögen "egoistisch" auf größtmögliche Fortpflanzung bedacht sein — doch warum hat mich dann diese Evolution mit einer mir nur nachteiligen lebenslangen Todesfurcht befrachtet? Warum führte die Evolution dazu, daß der Mensch als einziger ein lebenslanges Bewußtsein seines kommenden Todes haben muß?

Und machen wir uns nichts vor: es gibt im Grunde kein anderes Leid (vielleicht außer einem, das in akuten Schmerzen besteht), als das Leiden an der Tod-Sicherheit des eigenen Endes. Die Angst vor dem Unvorstellbaren, jene Angst, die zur Errichtung der riesigen mythologischen Gedankengebäude der Religionen Anlaß gab, und welche die Philosophen in rationalere Elfenbeintürme einzuschließen versuchen.

Die Religionen antworten auf diese einzig wirkliche Frage unseres Lebens zwar unterschiedlich, aber allesamt letztlich unbefriedigend. Ob der Buddhist nun Zuflucht nimmt zum Kniff, das Leiden über die Leugnung seiner Realität aus dem Leben wegzuzaubern, ob der Christ mit Hinweis auf ein angebliches Mitleiden Gottes das Leiden als dadurch erträglich und wertvoll erklärt — letztlich bleibt das alles nur "ein tönend Erz und eine klingende Schelle".

Kann es darauf letztlich überhaupt eine Antwort geben? Ich fürchte: nein. Auch die negative Lösung des Theodizeefrage ("es gibt keinen gütigen Gott") bewahrt uns nicht vor der nihilistischen Verzweiflung angesichts des offenbar sinnlosen Leidens. Was haben wir also damit gewonnen, könnte man fragen. Zu spät! Die Frage ist seit Jahrtausenden gestellt, wir können nicht mehr in ein "davor", also ein mythologisch-schamanistisches Weltbild zurückflüchten, das wir seit langem hinter uns gelassen haben.

Ich versuche meine persönliche Antwort zu finden ("work in progress", sozusagen), u.a. indem ich diesen Blog verfasse. Und im Übrigen dadurch, daß ich die Frage in Teilbereiche zerlege und so überschaubarer mache. so teile ich z.B. die Skepsis Stremingers, ob die Annahme eines "gütigen Gottes" angesichts des Leidens in der Welt möglich ist. Wer Gott als den gütigen Vater jedes einzelnen Menschenwesens betrachtet, wird sich über die Seltsamkeit seiner Güte wohl zu Recht wundern. Nein — Gottes Güte kann ich im diesseitigen Leben nur sehr eingeschränkt erkennen. Natürlich: es könnte immer alles noch weit schlimmer sein — aber ist das allein schon "Güte" ...?

Wohl aber (und hier verabschiede ich mich von der prinzipiellen Skepsis Stremingers) will ich eine solche Güte (und wenn schon nicht Güte, so doch Gerechtigkeit!) für ein Leben nach dem Tode annehmen. Vielleicht ist es auch nur illusionärer Zweckoptimismus, wer weiß das schon! Aber glaubt wirklich irgendwer, er könnte ohne einen solchen besser leben?

1 Comments:

Blogger Le Penseur said...

Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

23 November, 2007 17:28  

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