30 Juli 2007

Die Weisheit Epikurs

»All unser Tun richten wir doch nur darauf, keinen Schmerz erdulden und keine Angst empfinden zu müssen.«
»Tue im Leben nichts, was Dir Angst einflößen würde, wenn dein Nachbar davon erführe.«
»Die Natur hat uns zur Gemeinschaft geschaffen.«

Drei Sätze, die wohl von vielen als selbstverständlich, ja geradezu banal, angesehen werden. Und doch sind sie die Grundlage der Ethik des griechischen Philosophen Epikur (341-270 v.Chr.). In der Tat bilden sie eine zureichende Grundlage jenseits aller Religions- und Weltanschauungsdifferenzen ein Zusammenwirken von Menschen zu ermöglichen.
Viele Theologen und Philosophen verlieren in ihren Elfenbeintürmen den Kontakt zur Realität, konstruieren sich Menschen nach ihrem Gusto und wundern sich dann, wenn ihre Ethik, die sie sich für diese Gedankenwesen so fein ausgedacht haben, im täglichen Leben kläglich versagt. Sie postulieren angebliche Wünsche und Ziele »des Menschen« (als ob alle dasselbe wollten) und stellen Forderungen an alle, die bei näherer Betrachtung doch nur von den wenigsten erfüllt werden können etc. etc.
Epikur hingegen geht vom Menschen aus — vom »real existierenden Menschen« sozusagen, und bemüht sich, diesem Menschen (d.h. möglichst allen Menschen!) eine Handreichung für die erfolgreiche Gestaltung des je unterschiedlichen Lebens zu geben. Und hier finden sich eben keine hochfliegenden Ziele (die doch nur der eine will und der andere verabscheuen mag), sondern kluge Erwägungen, die wohl jedem Menschen, der nicht absichtlich seine Augen verschließen will, einleuchten.
Denn welcher Mensch will schon Schmerz und Angst. Daß beide manchmal unvermeidlich sind und ertragen werden müssen, weiß ohnehin jeder. Und daß leichtfertige Vermeidungsstrategien oft nur aufgeschobenen größeren Schmerz (und damit größere Angst davor) bedeuten, ist auch allgemein bekannt. Aber aus dem Schmerz — wie das Christentum — eine Schmerzens-Sehnsucht zu machen, frei nach dem Motto »... der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach«, grenzt an Abartigkeit und hat jahrhundertelang die Menschen bis zur psychischen Schädigung deformiert.
Epikurs Rat, nichts zu tun, was einen vor den Nächsten in ein schlechtes Licht rücken könnte, ist ebenso evident richtig. Denn der Nächste des Nächsten bin ich. Mein Gewissen ist letztlich nichts anderes als jene unbewußten Anschauungen aller Zeitgenossen über falsch und richtig, deren Mißachtung mich sozial isoliert und mich daher in genau jene Unsicherheit bringt, die jeder doch lieber vermeiden möchte, da sie den beste Weg zu Schmerz und Angst weisen.
Und auch der dritte Satz, daß uns die Natur zur Gemeinschaft geschaffen hat, kann ohne schwerste Nachteile nicht außer acht gelassen werden. Individualistische Konzepte einer Weltanschauung lesen sich zwar auf dem Papier ganz wunderbar, doch schweigen sie über die lästige Frage, wie sich denn diese autonomen Individuen miteinander koordinieren ließen. Wer nicht sieht, daß neben der Individualität des Menschen ebenso auch ein Naturbedürfnis der Kollektivität besteht, hat das Leben nur zur Hälfte verstanden.
Epikur preist ein heiter ruhiges, stilles Leben, das nicht nach Ruhm und äußerlicher Ehre trachtet, das die Sinne und Triebe weder unterdrückt, noch aber die Herrschaft über sich gewinnen läßt, das die freundschaftliche Verbundenheit mit anderen pflegt, und das gestattet, unerträglichen Leiden durch freiwilligen Tod zu entgehen.
In der Tat: kein spektakuläres Gedankengebäude, kein ethischer Designer-Bau, sondern ein stabiles, einfaches Haus, das sicheren Schutz vor den Unbilden der Natur gewährt. Und keineswegs eine Fehlkonstruktion, die es rechtfertigte, Epikur — wie in der »Göttlicher Komödie« Dantes — als »Erzketzer« im sechsten Kreis der Hölle im glühenden Eisensarg brennen zu lassen ...

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