30 April 2008

Vorläufiger Abschied

Man kann nicht auf zwei Kirtagen*) tanzen, wie der Volksmund in Österreich sagt. Nun, ich habe versucht, sogar auf dreien**) zu tanzen — und bin es jetzt etwas müde ...

Was nicht heißt, daß dieser Blog nicht wieder zu neuem Leben erstehen könnte — never say never again! Nur derzeit glaube ich eher im politisch-weltanschaulichen Bereich meine Meinung äußern zu müssen, als zu religiösen Fragen.

Für die nächste Zeit gibt's mich nur auf LePenseur, wo ich auch eine etwaige Wiederbelebung dieses Blogs ankündigen werde.

»Bleiben sie dran«, wie es so schön TV-Deutsch heißt ...


*) Für Piefkes: Kirchtag, Kirmes
**) LePenseur, OriensExAlto und UnaSancta

31 März 2008

Die Islamisierung Europas

... ist scheints nicht mehr aufzuhalten [lesen Sie hier mehr].

15 Januar 2008

Ein Kinderschänder

Unter diesem Titel findet sich hier ein Artikel über die jüngste muselmanische Aufregung.

31 Dezember 2007

Die Chimäre eines interreligiösen Dialogs mit Moslems

Die aktuelle Entrüstung der Alevien über einen harm- und anspruchslosen ARD-Krimi, die dazu führte, daß abertausende Demonstranten aus ganz Deutschland vor den Kölner Dom gekarrt wurden, um zunächst durch Parolen und Transparente, aber wohl allzubald auch schlagend zu beweisen, daß in Deutschland eine Bevölkerungsgruppe das Sagen hat: die Türken — in allen möglichen (und letztlich gleichgültigen) Schattierungen des Muselmanentums. Der Rest hat gefälligst (wie man in wien sagen würde) »die Gosch'n zu halten«. angesichte der noch immer zahlenmäßig geringen Verbreitung türkischer Moslems verwundert es, eines derartig anmaßenden Auftretens dieser Bevölkerungsgruppe gewahr zu werden, welche sich statistisch vor allem durch überdurchschnittliche Kriminalitätsraten, überdurchschnittlichen Sozialmißbrauch und dafür höchst unterdurchschnittliche Beiträge zu den Staatseinnahmen, auszeichnet.
Doch offenbar haben Deutsche eine Art von Beißhemmung antrainiert bekommen, sobald es darum geht, bei Ausländern wenigstens einen Minimalstandard von Integration und Nützlichkeit für das Gastland einzufordern. Man will schließlich kein »Nazi« sein ...
So weit, so ungut. Doch leider ist dieses knie- und windelweiche Auftreten nicht bloß die Attitüde wiederwahlwerbender Politiker und rückgratdeformierter Berufsgutmenschen, sondern findet sich bis weit in kirchliche Kreise hinein, denen man doch wenigstens auf katholischer Seite immer nachsagte, in Jahrhunderten zu denken. Doch so kurz, wie die Gedankenspanne deutscher Bischöfe beim interreligiösen Dialog mit Moslems ganz offensichtlich reicht, kann man sich schon die Muezzins, die wenigen Jahren, allerhöchstens Jahrzehnten, von den Türmen islamisierter Dorfkirchen heulen werden, ausmalen.
Nun, es ist richtig: der Papst hat in einem Anfall von Mut in Regensburg ein paar milde Sätze gesprochen, die aber schon ausreichten, die mohammedanische Meute loszulassen, ein paar Priester in der Türkei und eine unschuldige Klosterschwester in Somalia hinterrücks zu ermorden. Ein paar Kollateralschüäden des interreligiösen Dialogs in Form angezündeter Kirchen in Indonesien und Pakistan wollen wir »außen vor lassen« (wie das so schön neudeutsch heißt), den »de minimis non curat praetor« — so ein paar tote Laienchristen in moslemischen Ländern sind ja gar keine DPA-Meldung wert ...

30 November 2007

Alle Jahre wieder ...

... kommt nicht bloß das Christkindlein, sondern auch der Welt-AIDS-Tag. Und pünktlich wie jedes Jahr vor dem 1. Dezember erfährt die Welt aufrüttelnde Neuigkeiten: seit 1983 ist die Zahl der HIV-Infizierten schon wieder größer geworden und auch die Zahl der an AIDS erkrankten bzw. gestorbenen ist gestiegen. Was nicht dazugesagt wird: auch die Zahl der seit dem 16. Jahrhundert an Syphilis erkrankten bzw. gestorbenen Personen hat sich wieder einmal erhöht ... Noch immer will man uns für blöd verkaufen, obwohl der alte Trick, die HIV/AIDS-Zahlen durch kumulierte Wiedergabe dramatisch aufzupeppen, schon ein alter Hut ist. Aber die alten Tricks, wenn sie von den Medien unkritisch nachgeplappert werden, funktionieren halt immer noch. Dank Internet heutzutage glücklicherweise weniger gut, aber immer noch zu gut.

Und pünktlich zum Welt-AIDS-Tag werden wir wieder mit der erschütternden Meldung konfrontiert, daß HIV im heterosexuellen Bereich auf dem Vormarsch ist. Ei, wie denn das? Wer auch nur die elementarsten Grundlagen der Wahrscheinlichkeitsrechnung beherrscht und logisch nachzudenken nicht verlernt hat, dem werden ein paar Dinge aufstoßen, die ganz offenbar gegen die allseits verbreiteten Theorien sprechen.

1.) Statistisch nachweisbares Faktum ist, daß HIV in Westeuropa und Nordamerika zum weitaus überwiegenden Teil in den klassischen Risikogruppen (also: männliche Homosexuelle, Drogenfixer und Migranten aus sogen. “Hochrisikoländern”) auftritt. Eine nennenswerte Durchseuchung der Durchschnittsbevölkerung ist nicht eingetreten, wie aus den seit Jahren konstant niedrigen Neuinfektionen ebenso eindeutig nachweisbar ist.

2.) Sämtliche Statistiken zeigen, daß Frauen in Europa/Nordamerika bei den Neuinfektionen die eindeutige Minderheit darstellen.

3.) Sämtliche Studien zeigen umgekehrt jedoch, daß die Infektion einer Frau durch ungeschützten rezeptiven Vaginalverkehr um ein Vielfaches (!) höher ist als die Gefahr einer Infektion eines Mannes durch ungeschützten insertiven Vaginalverkehr. Daraus kann nach den Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung und in logischer Schlußfolgerung wohl nur geschlossen werden, daß der Übertragungsweg durch rezeptiven Vaginalverkehr epidemologisch gesehen nicht sehr bedeutsam ist, da sonst die sub 2.) angeführte deutlich geringere Zahl von Frauen unter den Neuinfektionen nicht erklärlich wäre.

4.) Ebensowenig ist bei einer Minderheit von infizierten Frauen eine Mehrheit von infizierten Männern erklärlich, wenn deren Risiko bei insertivem Verkehr deutlich geringer ist, als das der rezeptiven Frauen.

Die zur Erklärung von AIDS etablierte Virenhypothese läßt außerdem noch die Frage offen, warum ein Virus sich in Europa und Nordamerika eklatant anders verhält, als in Afrika und der Karibik, denn nur dort kommen nennenswerte Infektionen in der weiblichen Bevölkerung vor.

Diese Fragen aus der Bemühen heraus, Homosexuelle von der psychischen Last einer sie offenkundig in besonderer Weise betreffenden tödlichen Erkrankung zu “befreien”, aber durch gezielte Desinformations-Kampagnen zu “beantworten”, in welchen man sämtlichen Nicht-Homosexuellen suggeriert, sie wären (fast) gleichermaßen von dieser Gefahr bedroht, halte ich schlichtweg für eine Form unverantwortlichen Psychoterrors — insbesondere, wenn dieser nicht gegenüber mündigen Erwachsenen, sondern in Form schulischer Sexualerziehung gegenüber uninformierten und daher unkritisch beeinflußbaren Kindern und Jugendlichen ausgeübt wird!

Diese Desinformation (die von allen Epidemologen hinter vorgehaltener Hand und — z.B. gut verborgen in den Zahlenfriedhöfen der HIV-Statistik des RKI — auch durchaus in Publikationen eindeutig zugegeben wird) ist meines Erachtens nicht weniger verwerflich, als die seinerzeitige Panikmache hinsichtlich der “Lustseuche Selbstbefriedigung”, die Schulkindern vor 100 Jahren suggerierte, sie würden durch Selbstbefriedigung nervlich zerrüttet und an Rückenmarkserweichung zugrunde gehen.

Ob Prof. Duesberg mit seiner Ansicht, AIDS sei eine durch Drogenkonsum (Westen) oder Mangelernährung (Afrika) zu erklärende Immunschwäche, die mit dem HIV-Virus nichts zu tun hätte, nun recht hat oder nicht, das möge die “Scientific Community” entscheiden, sobald die oben skizzierten offenen Fragen halbwegs schlüssig beantwortet werden können. Fakt ist aber, daß HIV/Aids in der öffentlichen Wahrnehmung durch teure Kampagnen, die in Zeiten von Budgetkürzungen bei anderen, dringlicheren Gesundheitsproblemen zu unverantwortbaren Mittelkürzungen führen müssen, ganz überproportional als Gefahr herausgestellt wird und daran Folgerungen geknüpft werden, die sich aus den statischen Daten einfach nicht ableiten lassen, jedoch die Freiheit der Menschen auf sexuellem Gebiet druch informelle Mechanismen nachhaltig einschränken.
Das alles mag zwar aus Sicht derer, die von HIV/Aids tatsächlich betroffen sind, noch irgendwie vertretbar sein, rechtfertigt jedoch nicht, zugunsten dieser vergleichsweise geringen Risikogruppen (die z.B. im Falle der Fixer an ihrem Risiko sogar selbst unmittelbar Schuld tragen!) andere Bereiche des Gesundheitswesens (Krebsforschung, Multiple Sklerose, Hepatitis) zu vernachlässigen, wenn dort weit mehr Menschen von Erkrankungen betroffen sind.

31 Oktober 2007

Über den Sinn des Leidens. Fragen zur Theodizee-Problematik

Ausgangspunkt für diesen Artikel ist die Diskussion im Blog Lumen de Lumine, welche am Beispiel einer knapp 18-jährig an Knochenkrebs verstorbenen Opus-Dei-Angehörigen zur Theodizee-Problematik hinführte. Die Blog-Autorin meinte in einer Replik auf meine Postings, in denen ich u.a. auf einen Aufsatz von Prof. Streminger (hier nachzulesen) verwiesen hatte, u.a. folgendes:

Vielleicht ist die Theodizeefrage damit beantwortet (Es gibt keinen guten Gott), aber der eigentliche Kern des Theodizeeproblems (Was ist der Sinn des Leidens?) bleibt. Das ist etwa der Punkt, wo der Buddhismus ansetzt - weil es nämlich die Frage eines jeden Menschen ist, der leidet oder der Leid miterlebt. Die klassische Theodizeefrage ist hingegen m. E. eine rein akademische, also nicht die Frage des Leidenden selbst. Deshalb ist er auch bei Skeptikern so beliebt, weil man sie ewig weiterspinnen und sich dabei gut und aufgeklärt vorkommen kann... Das Theodizeeproblem ist viel schwergewichtiger, da es sich dabei um ein wirkliches menschliches Problem handelt. Der Buddhismus beantwortet es mit der Überwindung des Leidens durch die Überwindung der Existenz an sich. Das Christentum beantwortet es - mit Hinweis auf die göttliche Offenbarung durch den "leidenden Gott" - mit der Annahme des Leidens, die dann letztlich durch die Güte Gottes in ewige Freude und Herrlichkeit verwandelt wird.

Damit ist ein zentrales Problem angesprochen: unabhängig davon, ob ich die Theodizeefrage als (negativ) gelöst, als derzeit noch ungelöst oder als überhaupt unlösbar betrachte — die Frage nach dem Sinn des Leidens bleibt bestehen, solange das Leiden bestehen bleibt. Und es gibt wenig Ansatzpunkte, auf ein Ende desselben in absehbarer Zeit zu hoffen. Nur die Überzeugung, die Theodizeefrage sei in positivem Sinne als gelöst anzusehen, käme über diese Problematik hinweg, da damit dann auch der (höhere) Sinn des Leidens feststünde. Doch genau das führt uns wieder zur (als "akademisch" gescholtenen) Theodizeefrage zurück ...

Ein anderer Poster versuchte den gordischen Knoten durch eine einfühlsame Schilderung der Todesumstände seiner Mutter zu lösen. So sehr jedoch im geschilderten Fall dieser Tod, dieses ihr "Abschiednehmen und Versöhnen mit den Mitmenschen" den Umständen nach als geglückt anzusehen ist, so wenig löst er jedoch die prinzipielle Frage: wäre all das nicht auch weit weniger leidvoll möglich? Wäre es nicht — Gottes Güte vorausgesetzt — sogar überhaupt leidlos wertvoller, weil eben nicht im Verdacht, durch ein "Not-lehrt-beten" hervorgerufen zu sein?

Es ist richtig: seit Epikur dreht sich die Theodizee-Frage im Kreis. Und spätestens seit Buddha wohl auch das Leidensproblem in seiner weiteren Fragestellung. All die Entwicklungen der Philosophie über die Jahrtausende hinweg scheinen nichts weiter gebracht zu haben, als bemühte Scheinlösungen, als den schalen Trost einer Formalisierung des Problems — so, als ob einem Hungernden durch die wissenschaftliche Darlegung der Gefährlichkeit von Überernährung geholfen würde ...

Worin nun kann der Sinn des Leidens denkmöglich liegen? Wenn ich die jenseitigen Tröstungen der Religion außer Acht lasse, dann wohl nur in einem höheren diesseitigen Wert — der aber dann notwendigerweise das Individuum übersteigen müßte. Daß einzelne Leiden vom Menschen wegen anderer Vorteile für ihn selbst in Kauf zu nehmen sind, ist ohnehin einleuchtend. Doch was, wenn quasi einer zahlt, andere jedoch profitieren? Wenn ich aus einem kollektivistischen Standpunkt heraus das Leiden des Einzelnen füm Wohlergehen der Gruppe akzeptiere, lande ich in kürzester Zeit bei der Klassengemeinschaft oder bei der Vergötzung von Volk und/oder Rasse. Auch dies scheint kein gangbarer Weg — wenigstens nicht für Individualisten.

Die "wissenschaftliche" Antwort, unsere Leiden seien eben der Preis für die sexuelle Fortpflanzung des Menschen, quasi als notwendiger Motor in die Zuchtwahl der Evolution eingebaut, greift ebenso zu kurz. Meine Gene mögen "egoistisch" auf größtmögliche Fortpflanzung bedacht sein — doch warum hat mich dann diese Evolution mit einer mir nur nachteiligen lebenslangen Todesfurcht befrachtet? Warum führte die Evolution dazu, daß der Mensch als einziger ein lebenslanges Bewußtsein seines kommenden Todes haben muß?

Und machen wir uns nichts vor: es gibt im Grunde kein anderes Leid (vielleicht außer einem, das in akuten Schmerzen besteht), als das Leiden an der Tod-Sicherheit des eigenen Endes. Die Angst vor dem Unvorstellbaren, jene Angst, die zur Errichtung der riesigen mythologischen Gedankengebäude der Religionen Anlaß gab, und welche die Philosophen in rationalere Elfenbeintürme einzuschließen versuchen.

Die Religionen antworten auf diese einzig wirkliche Frage unseres Lebens zwar unterschiedlich, aber allesamt letztlich unbefriedigend. Ob der Buddhist nun Zuflucht nimmt zum Kniff, das Leiden über die Leugnung seiner Realität aus dem Leben wegzuzaubern, ob der Christ mit Hinweis auf ein angebliches Mitleiden Gottes das Leiden als dadurch erträglich und wertvoll erklärt — letztlich bleibt das alles nur "ein tönend Erz und eine klingende Schelle".

Kann es darauf letztlich überhaupt eine Antwort geben? Ich fürchte: nein. Auch die negative Lösung des Theodizeefrage ("es gibt keinen gütigen Gott") bewahrt uns nicht vor der nihilistischen Verzweiflung angesichts des offenbar sinnlosen Leidens. Was haben wir also damit gewonnen, könnte man fragen. Zu spät! Die Frage ist seit Jahrtausenden gestellt, wir können nicht mehr in ein "davor", also ein mythologisch-schamanistisches Weltbild zurückflüchten, das wir seit langem hinter uns gelassen haben.

Ich versuche meine persönliche Antwort zu finden ("work in progress", sozusagen), u.a. indem ich diesen Blog verfasse. Und im Übrigen dadurch, daß ich die Frage in Teilbereiche zerlege und so überschaubarer mache. so teile ich z.B. die Skepsis Stremingers, ob die Annahme eines "gütigen Gottes" angesichts des Leidens in der Welt möglich ist. Wer Gott als den gütigen Vater jedes einzelnen Menschenwesens betrachtet, wird sich über die Seltsamkeit seiner Güte wohl zu Recht wundern. Nein — Gottes Güte kann ich im diesseitigen Leben nur sehr eingeschränkt erkennen. Natürlich: es könnte immer alles noch weit schlimmer sein — aber ist das allein schon "Güte" ...?

Wohl aber (und hier verabschiede ich mich von der prinzipiellen Skepsis Stremingers) will ich eine solche Güte (und wenn schon nicht Güte, so doch Gerechtigkeit!) für ein Leben nach dem Tode annehmen. Vielleicht ist es auch nur illusionärer Zweckoptimismus, wer weiß das schon! Aber glaubt wirklich irgendwer, er könnte ohne einen solchen besser leben?

30 September 2007

Die Toleranz des Islam

Unter diesem Titel habe ich in meinem »politischen« Parallel-Board LePenseur einen Artikel veröffentlicht. Angesichts der jüngsten Entwicklungen in der Türkei von (leider) beklemmender Aktualität.

30 Juli 2007

Die Weisheit Epikurs

»All unser Tun richten wir doch nur darauf, keinen Schmerz erdulden und keine Angst empfinden zu müssen.«
»Tue im Leben nichts, was Dir Angst einflößen würde, wenn dein Nachbar davon erführe.«
»Die Natur hat uns zur Gemeinschaft geschaffen.«

Drei Sätze, die wohl von vielen als selbstverständlich, ja geradezu banal, angesehen werden. Und doch sind sie die Grundlage der Ethik des griechischen Philosophen Epikur (341-270 v.Chr.). In der Tat bilden sie eine zureichende Grundlage jenseits aller Religions- und Weltanschauungsdifferenzen ein Zusammenwirken von Menschen zu ermöglichen.
Viele Theologen und Philosophen verlieren in ihren Elfenbeintürmen den Kontakt zur Realität, konstruieren sich Menschen nach ihrem Gusto und wundern sich dann, wenn ihre Ethik, die sie sich für diese Gedankenwesen so fein ausgedacht haben, im täglichen Leben kläglich versagt. Sie postulieren angebliche Wünsche und Ziele »des Menschen« (als ob alle dasselbe wollten) und stellen Forderungen an alle, die bei näherer Betrachtung doch nur von den wenigsten erfüllt werden können etc. etc.
Epikur hingegen geht vom Menschen aus — vom »real existierenden Menschen« sozusagen, und bemüht sich, diesem Menschen (d.h. möglichst allen Menschen!) eine Handreichung für die erfolgreiche Gestaltung des je unterschiedlichen Lebens zu geben. Und hier finden sich eben keine hochfliegenden Ziele (die doch nur der eine will und der andere verabscheuen mag), sondern kluge Erwägungen, die wohl jedem Menschen, der nicht absichtlich seine Augen verschließen will, einleuchten.
Denn welcher Mensch will schon Schmerz und Angst. Daß beide manchmal unvermeidlich sind und ertragen werden müssen, weiß ohnehin jeder. Und daß leichtfertige Vermeidungsstrategien oft nur aufgeschobenen größeren Schmerz (und damit größere Angst davor) bedeuten, ist auch allgemein bekannt. Aber aus dem Schmerz — wie das Christentum — eine Schmerzens-Sehnsucht zu machen, frei nach dem Motto »... der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach«, grenzt an Abartigkeit und hat jahrhundertelang die Menschen bis zur psychischen Schädigung deformiert.
Epikurs Rat, nichts zu tun, was einen vor den Nächsten in ein schlechtes Licht rücken könnte, ist ebenso evident richtig. Denn der Nächste des Nächsten bin ich. Mein Gewissen ist letztlich nichts anderes als jene unbewußten Anschauungen aller Zeitgenossen über falsch und richtig, deren Mißachtung mich sozial isoliert und mich daher in genau jene Unsicherheit bringt, die jeder doch lieber vermeiden möchte, da sie den beste Weg zu Schmerz und Angst weisen.
Und auch der dritte Satz, daß uns die Natur zur Gemeinschaft geschaffen hat, kann ohne schwerste Nachteile nicht außer acht gelassen werden. Individualistische Konzepte einer Weltanschauung lesen sich zwar auf dem Papier ganz wunderbar, doch schweigen sie über die lästige Frage, wie sich denn diese autonomen Individuen miteinander koordinieren ließen. Wer nicht sieht, daß neben der Individualität des Menschen ebenso auch ein Naturbedürfnis der Kollektivität besteht, hat das Leben nur zur Hälfte verstanden.
Epikur preist ein heiter ruhiges, stilles Leben, das nicht nach Ruhm und äußerlicher Ehre trachtet, das die Sinne und Triebe weder unterdrückt, noch aber die Herrschaft über sich gewinnen läßt, das die freundschaftliche Verbundenheit mit anderen pflegt, und das gestattet, unerträglichen Leiden durch freiwilligen Tod zu entgehen.
In der Tat: kein spektakuläres Gedankengebäude, kein ethischer Designer-Bau, sondern ein stabiles, einfaches Haus, das sicheren Schutz vor den Unbilden der Natur gewährt. Und keineswegs eine Fehlkonstruktion, die es rechtfertigte, Epikur — wie in der »Göttlicher Komödie« Dantes — als »Erzketzer« im sechsten Kreis der Hölle im glühenden Eisensarg brennen zu lassen ...

17 Juli 2007

Staatenlose Gesellschaft — auf Dauer möglich?

Unter dem Titel: »Staatenlose Gesellschaft: Ist sie dauerhaft möglich?« hat Robert Grötzinger in ef-online einen brillanten Denkanstoß geliefert, warum ein libertär gedachter Minimalstaat ohne religiös-metaphysische Basis wohl stets zum Scheitern verurteilt sein dürfte. Absolut lesenswert!

10 Juni 2007

Über Pelagius

Im Blog Lumen de Lumine findet sich ein Artikel vom 4. Juni 2007 mit dem Titel "Pelagius in Rostock". Hier wird der arme Pelagius — als ob er nicht schon genug unter den gehässigen Angriffen von Augustinus zu leiden gehabt hätte — flugs zur "Wurzel jeder Ideologie" gemacht. Die Autorin führt als Begründung an:

Da der Marxismus - und damit jede linke Ideologie - grundlegend pelagianisch ist(schließlich will er ja die Welt erlösen), kann man es den guten Organisatoren auch nicht verübeln, dass sie die menschliche Natur so missverstanden haben...

Denn der Pelagianer glaubt immer an das sog. "Gute im Menschen" und denkt, wenn man zu Leuten nur lieb ist und "keinen Grund" für Aggression gibt, dann werden diese Leute auch ihrerseits liebe, friedliche Lämmchen sein... Denn es kann ja nicht sein, dass Menschen einfach nur so aus Spaß - oder gar aus Hang zum Bösen! - böse Dinge tun, etwa Schlägereien anfangen, nicht?

Was, bitteschön, hat Pelagianismus mit einem naiven Glauben an das "Gute im Menschen" zu tun? Nichts. Er verwehrt sich nur gegen die im Grunde manichäische Umdeutung des christlichen Menschenbildes durch Augustinus, der aus der Menschheit eine einzige satansverfallene massa damnata macht, die mit einigen wenigen, noch dazu völlig unverdienten, Ausnahmen der ewigen Verdammnis unter unaussprechlichen Folterqualen anheimfällt. Pelagius ist dem gegenüber der weise abwägende Philosoph, der den Menschen weder per se zum "friedlichen Lämmchen" erklärt (wie die Autorin unterstellt), noch auch einer niederdrückenden Verzweiflung über eine auf ihm lastende, höchst wahrscheinliche Verdammung preisgibt, sondern das sagt, was alle Philosophen und die meisten Religionsstifter aller zeiten sagten: der Mensch kann gut sein, wenn er sich aufrichtig und mit Anstrengung seiner sittlichen und geistigen Kräfte bemüht.
Und diese Botschaft (so wenig originell sie im Grunde ist) ist m.E. viel wichtiger und heilsamer, als alles Gerede über eine "natura corrupta", eine "erbsündliche conditio humana", eine "ungeschuldete Gnade" und wie all die Versatzstücke christlicher Theologie so lauten, die die einfache und vernunftgemäß für alle Menschen aller Zeiten nachvollziehbare, unprätentiöse Botschaft Christi des "doppelten Liebesgebotes" in einen Gallimathias tiefsinniger "distinctiones" und "mysteria fidei" verwandelt, der wohl Theologen erfreut, aber für das ethische Leben der Menschen Null Relevanz besitzt.
Wenn man Pelagius schon einen Vorwurf machen will, dann sicherlich nicht den der naiven Überschätzung menschlicher Fähigkeiten, sondern eher den des moralischen Rigorismus — denn nach allem, was wir über ihn wissen war er nicht nur ein höchst sittenstrenger Mann sondern legte auch in der Darlegung seiner Lehren auf die Ausübung sittlicher Tugenden größten Nachdruck. P. Dr. Karl WALLNER OCist schreibt in Gnade und Natur über ihn folgendes:

Das Anliegen des Pelagius war eigentlich edel: denn er forderte kompromisslos die sittlich-religiöser Vollkommenheit im Zeitalter der ersten Dekadenz des Christentums. Aber er irrte, wo es um das Verhältnis von Natur und Gnade ging. 1.) es gibt keine Erbsünde: Nach Pelagius hat die Adamssünde den Menschen nicht durch und durch verdorben, sondern Adam hat nur äußerlich ein schlechtes Beispiel gegeben und jetzt tun es ihm eben alle Menschen nach. Die Natur des Menschen ist im Prinzip heil geblieben. Eine praktische Folge davon ist auch, dass Pelagius keinen Sinn in der Kindertaufe sieht.
2.) Die Gnade Christi, seine Erlösung, wirkt sich folglich auch nur äußerlich aus. So wie uns Adam ein schlechtes Beispiel gegeben hat, so gibt uns Christus ein gutes Beispiel. Wir müssen ihn also nur nachahmen. – Hier hat Pelagius viel von den griechischen Vätern gelernt, die – wie oben gesagt – Christus ja auch vor allem als göttlichen „Pädagogen“ gesehen haben. Aber: diese hatten vom Johannes-Evangelium her gedacht: wir können Christus nachahmen, weil er sein göttliches Leben in uns lebt, wir schon eingetreten sind in die Dreifaltigkeit.
3.) Folglich ist für Pelagius nicht die Gnade, sondern der freie Wille des Menschen das entscheidende: nicht die Gnade bringt den Menschen dazu, rein und heilig zu leben, sondern der Wille. Die Gnade hilft nur ein bisschen dazu (Pelagius leugnet die Gnade nicht, aber sie ist bei ihm eigentlich nur eine Unterstützung für die NATÜRLICHE Kraft des Willens)!

Bitte beachten wir: Pelagius ist Mönch, ein ganz willensstarker und tugendhafter noch dazu. So ein richtiger Tugendbold, der sich wohl jeden morgen lustvoll gefragt hat: „Wie werde ich mich heute wieder abtöten?“ Was zu kurz kommt, ist die Gnade. Pelagius macht daher die Erbsünde klein, damit er die eigene Fähigkeit des Menschen zu einem sittlichen Leben betonen kann. Die Natur ist stark, die Gnade ist nur etwas äußerliches, das der Natur hilft, sich selbst zu helfen.

So sehr diese Charakterisierung natürlich aus dem Blickwinkel eines römisch-katholischen Dogmatikers (der seinen Augustinus gelesen hat) geschrieben ist, und daher Dinge verurteilt, die ein anderer eher als Vorzug, denn als Mangel empfindet, so ist doch klar, daß ein naiver Glaube an "das Gute im Menschen" Pelagius und seiner Lehre nun wirklich nicht vorgeworfen werden kann. Pelagius hält den Menschen nur für prinzipiell fähig, Gutes zu tun — wenn er es auch will und dann eben auch tut! Und dieser Grundsatz ist ebenso vernünftig (und durch die Evidenz tagtäglichen Geschehens jedermann einsichtig) wie notwendig, will ich nicht quasi statt an Scilla an Charybdis scheitern und mich jeder Verantwortung für menschliches Tun im ethischen Sinne entledigen.
Andernfalls wäre Gott, der den Menschen schuf (und zwar wie sie nach augustinus Meinung eben sind: sündhaft und unvollkommen), ihm ebenso letztlich alle Daseinsfaktoren schafft (z.B. durch die Weltlenkung durch seine göttliche Vorsehung, welche einen bloßen "Zufall" auf moralischem Gebiet ausschließt), auch die moralische Ursache seiner Sünde. Selbst Theologen, wenn sie unvoreingenommen zu denken wagten, erschien diese Aussage folgerichtig, was man u.a. an der Position von Molina — dem seine Feinde aus dem Dominikanerorden auch prompt Pelagianismus vorwarfen! — im unsäglichen, endlosen "Gnadenstreit" entnehmen kann. Molina hat sich eben mit der (zu seinem Glück ebenso bestechenden wie unnachvollziehbaren) "scientia media" so weit hinausgelehnt, wie er das, ohne den Scheiterhaufen zu riskieren, nur tun konnte. Aber gerade sein verquälter, Augustinus' Lehren verbal nicht verletzender, Lösungspfad zeigt schlagend, daß ihm die Argumentation von Augustinus bis zum 16. Jh. einfach unbefriedigend erschien — nein: erscheinen mußte!
Manchmal dauern Rehabilitierungen länger. Die des Pelagius läßt — offiziell — noch auf sich warten. Aber unter der Oberfläche tut sich bereits was, wie z.B. die Entscheidung des Vatikans über den "limbus puerorum" erkennen läßt. Das hat zwar aufs erste Hinsehen nichts mit Pelagius zu tun, aber bei genauerer Betrachtung doch sehr viel. Pelagius (und noch mehr seinem großen schüler Julianus von Eclanum) wurde nämlich die Frage der Kindertaufe zum Verhängnis. Wenn die fremderlösende Gnade Christi eben nicht das Entscheidende für mein Heil ist, dann ist auch das fanatische Beharren auf der Kindertaufe nicht zu rechtfertigen. Dann können wir in Gelassenheit auf Gottes Güte vertrauen, statt noch einer im Kindbett sterbenden Mutter das Kind "zum Taufen, damit es nicht verdammt wird" aus dem Leib reißen. Dann ist aber eben auch jeder Mensch durch sein Handeln und Unterlassen (und nicht ein sakramentaler Vorgang als "opus operatum") für sein Heil selbst verantwortlich — m.a.W. die von der Kirche und ihrem Klerus gar nicht geschätzte "Selbsterlösung des Menschen" wirft ihre Schatten auf den Horizont des Glaubens.
Und natürlich wird gegen diese gefährliche Ansicht sofort Front gemacht: Selbsterlösung kann's nicht geben. Basta. Nur zeigen uns Geschichte und Gegenwart schlagend: die Fremderlösung durch Christus gibt offenbar ebensowenig, oder wollte jemand ernsthaft behaupten, daß die Welt ungefähr seit dem Jahre 33 n.Chr. entscheidend besser geworden ist, und zwar in christlichen Gebieten stärker als anderswo? Wenn überhaupt eine Verbesserung feststellbar ist, dann nur dort, wo die Menschen sich nicht auf jenseitige Tröstungen verließen, sondern lieber auf diesseitige Wohltätigkeit setzten.
Humanismus und Aufklärung (so zuwider mir letztere in ihrem platten Fortschrittsoptimismus auch ist) haben mehr für die Menschen getan, als mystische Gottsuche oder scholastische Gelehrsamkeit, die, ich bestreite es nicht, auch ihr Schönes haben, aber nicht dann, wenn ich oder meine Mitmenschen dabei verhungern ...
Das Problem Augustinus, das die Kirche seit nunmehr eineinhalb Jahrtausenden mit sich herumschleppt, ist m.E. nur aus psychologischer Sicht zu lösen. Die Unhaltbarkeit seiner Positionen, von der Erbsünde (die Benedikt XVI. eigentlich von seiner Limbus-Entscheidung hätte entsetzt zurückschrecken lassen müssen), über die "massa damnata", die nur wenigen "Auserwählten" das Heil zubilligen will, bis hin zum "extra ecclesiam nulla salus" (in der Tradition Cyprians auch von ihm vertreten), das doch schon seit Jahrhunderten, spätestens seit der Kolonisierung Amerikas ad acta gelegt ist, ist die eine Seite. Die andere ist, daß man einen durch Jahrhunderte einflußreichen Denker eben nicht desavouieren kann, ohne sich selbst den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Nur wurde und wird ein gesichtswahrendes Aufgeben augustinischer Positionen mit zunehmender Dauer seiner Wirksamkeit immer unwahrscheinlicher.
Dieser Ex-Playboy, der seinen Lebensekel den an seinen Lottereien nun doch wirklich unschuldigen Mit- und Nachlebenden in Dogmenform "umhängte", hat unglaubliches Unheil angerichtet — seine Lehren sind faktisch Seelentherapie auf Kosten anderer. Er steht damit sicherlich nicht allein da. Schon der Volksmund kennt den deftigen Satz: "Aus jungen Schlampen werden alte Betschwestern". Was mutatis mutandis auf Augustinus wohl ebenso zutrifft.

01 April 2007

Was heißt eigentlich »Ehe«?

Im Blog »Tea at Trianon« findet sich ein hochinteressanter Artikel über die Ehe unter dem Titel »Defining Marriage«. Selten wurde in so klarer Sprache dargestellt, warum die von »politisch korrekten« Meinungsbildnern als unabdingbar dargestellte Zulassung von gleichgeschlechtlichen »Ehen« in Wahrheit nur das Ziel verfolgt, die Institution »Ehe« insgesamt zu marginalisieren.

So, wie auf politischer Ebene versucht wird, das Projekt einer »Europäischen Union« durch Überforderung und Überdehnung (Aufnahme der Türkei und Nordafrikas, etc.) zu vereiteln, so kann auch die Fraktion derer, denen die Schaffung des »neuen Menschen« gar nicht schnell genug gehen kann, auf einen baldigen Untergang der verhaßten Institution Ehe hoffen, der dann endlich die völlige Neudefinition sämtlicher zwischenmenschlichen Beziehungen durch social engineering ermöglichen würde.

»Brave new world ...«

13 Februar 2007

Willkommen im 21. Jahrhundert, Portugal

Unter diesem Titel habe ich im »LePenseur«-Blog eine Stellungnahme zum portugiesischen Abtreibungsreferendum veröffentlicht.

02 Februar 2007

Christentum und Wirtschaft

Unter dem Titel »Das Europäische Wunder - eine Folge von Christentum und rule of law« findet sich im Blog »Freiheit und Zivilisation« eine Zusammenfassung einer Studie des Historikers Ralph Raico — in Englisch auf »Mises.org« (benannt nach dem berühmten österreichischen Wirtschaftsphilosophen Ludwig von Mises) erschienen — , welche das »Wirtschaftswunder« der westlichen Welt vor allem auf zwei Faktoren zurückführt: auf das Christentum, welches die ebenso natürlichen wie zerstörerischen Neidgefühle der Menschen zurückdrängte, und auf die Herrschaft des Rechts, welche der Wirtschaft verläßliche, sippen- und verbandsunabhängige Grundlagen schuf, welche ihr Aufblühen erst ermöglichte.

Anders als die gängige Sozialromantik angeblich »katholischer« Soziallehre (die nur oft genug ein ungenießbares Gemisch aus nostalgischem Schwelgen in verklärter Vergangenheit und sozialistischer Gleichmacherei ist), beweist der Autor, daß wirtschaftlicher Erfolg eben nicht ohne religiösen Hintergrund gesehen werden kann (wie die Technokraten gerne behaupten), aber ebenso der konfessionsneutrale Rechtsstaat, der die Religion zwar achtet, aber nicht omnipräsent sein läßt, entscheidende Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung besitzt.
Meine Hoffnung ist zwar gering, daß sich die Fraktionen der nostalgischen Traditionalisten (inzwischen freilich schon recht klein geworden) und der links-alterna(t)iven Postvatikanisten (inzwischen zwar von Mitgliederschwund gebeutelt, aber unbelehrbar in ihrem »fortschrittlichen« Sendungsbewußtsein) davon beeindrucken lassen — aber, wie wir wissen: »Die Hoffnung stirbt zuletzt«. Also: hoffen wir, daß ein paar intelligente Leute einsehen, daß Wirtschaft ohne re-ligio, wörtlich also Rückbindung, auf metaphysische Werte ebenso verfehlt ist, wie das Überlaufen zum egalitär-totalitären Lager, das aus »Solidarität« und »Konsumverzicht« eine Caritas-Ersatzsakralität bastelt.

01 Januar 2007

Sind Glaube und Liberalismus unvereinbar?

Unter diesem Titel veröffentlichte Roland Baader in »eigentümlich frei«-Magazin einen etwas provokant scheinenden Artikel. Doch wenn man die Thesen genauer ansieht, merkt man, daß es dem Autor keineswegs um Provokation geht. Wer kann ihm etwa widersprechen, wenn er z.B. schreibt:
Die fundamentalen Axiome und Prinzipien des Liberalismus - wie Individualismus (Bedeutung der einzelnen Person und deren Entscheidungsautonomie und Eigenverantwortlichkeit), Gleichheit vor dem Recht, Vertragstreue und Eigentum sowie seine elementaren Forderungen wie ‘Schade niemandem’ und ‘Wende keinen willkürlichen Zwang an’, haben ihre Wurzeln und Fundamente (nicht ausschließlich, aber schwergewichtig) in der christlichen Lehre. Und das bedeutet auch, daß der Liberalismus auf diese religiöse Grundlage angewiesen bleibt.
All die Leute in Brüssel und anderswo, die jetzt von einem vom Christentum purifizierten Europa schwärmen, das doch keinesfalls ein »Christenclub« sein dürfe (damit auch die Türkei möglichst problemlos aufgenommen werden könne — es geht schließlich nur »um's Geschäft«), lügen sich kräftig in den eigenen Sack. Und hier wird der Christ, so er seinen Ökumenismus nicht als »Maso-menismus« (wenn dieser kühne Neologismus gestattet ist) in rührseliger Islam-Umarmung à la »wir sind doch alles abrahamitische Religionen« versteht, wohl ohne Probleme zustimmen.

Andere Ausführungen schmerzen freilich den christlichen Sozialromantiker recht empfindlich:
Es ist auch kein Zufall, daß in den halbsozialistischen Wohlfahrtsstaaten Europas die Kirchen leer geworden sind, sowie persönliches Mitleid und private Karitas dem „sozial“-kleptokratischen Umverteilungsbefehl des Staates gewichen sind. [...] Leider ist dieser Zusammenhang den modernen Politpfaffen unbekannt oder fremd geworden. Theologie versteht sich heute weitgehend als Götzendienst am Sozialstaat und als Zuhälterlehre für die große Hure Wohlfahrtsdemokratie.
Das ist wirklich nicht nett formuliert — aber leider wahr, allzu wahr ... Wollen wir nur hoffen, daß die Schlußbemerkung des Autors
Mir scheint, daß beide, christlicher Glaube und liberale Ökonomie, noch viel voneinander lernen können, wenn sie erst einmal gelernt haben, einander ernst zu nehmen.
nicht von beiden Seiten ungehört verhallt! Es steht viel — nein: zu viel! — auf dem Spiel, als daß wir die Zukunft unseres Abendlandes bloß dem Kalkül von Geschäftemachern und Spekulanten anheimstellen sollten.

30 Dezember 2006

Zu Saddams Hinrichtung

Im Blog Pax vobis finden wir heute folgende Notiz zur Hinrichtung Saddam Husseins:

»Mord selbst an einem Verbrecher bleibt immer Mord; in dieser allem Geschwätz von Humanismus zum Trotz zunehmend grausamen und unmenschlichen Welt,bleibt die katholische Kirche der letzte Anwalt dieses grundlegendsten aller Menschenrechte.«

Selbst ein entschiedener Gegner der Todesstrafe, wage ich doch einzuwenden, daß die katholische Kirche wohl nur in einem sehr speziellen Sinne der »letzte Anwalt dieses grundlegendsten aller Menschenrechte« genannt werden kann. Schließlich hat sie über all die Jahrhunderte bis deutlich über die Mitte des 20. hinaus die Todesstrafe als notwendig und moralisch gerechtfertigt angesehen. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts kam es zu einem Umdenken, das dann auch im Katechismus der katholischen Kirche seinen späten Niederschlag fand.

Wenn der Autor mit dem »letzten Anwalt« daher den zuletzt dazugekommenen meint, so hat er zweifellos recht. Meint er hingegen den letztverbliebenen, so kann man dieser Ansicht den Vorwurf der Geschichtsklitterung leider nicht ersparen ...

19 Dezember 2006

Die dunklen Anfänge des Islam

Gerade rechtzeitig zum christlichen Weihnachtsfest stolperte ich hier über einen Hinweis auf die dunklen Anfänge des Islam. Es ist faszinierend, was bei historisch-kritischer Untersuchung des Islam zutage tritt! Ein paar Zitate aus der Buchbesprechung vorab:

Neuere Islamforscher stoßen derzeit allerdings auf eine recht unerwartete Sicht der frühen Entwicklungsgeschichte des Islam. So gehen sie derzeit davon aus, dass es einen historischen Mohammed in der Form, wie er später im Koran festgehalten ist, überhaupt nicht gegeben haben könnte. Sie gehen stattdessen davon aus, dass "Muhammad" die arabische Bezeichnung für Jesus war, der später durch die Verehrung eines "Ali" ("Erhabenen") abgelöst wurde. Da Jesus nach dem Koran nicht am Kreuz gestorben ist, hat er nach seiner Entrückung die Funktion eines "Verborgenen Imams".

Erst im 8. und 9. Jahrhundert wurde Mohammed zu einer eigenständigen Gestalt gemacht, mit Mekka und Medina verbunden, um eine arabische Identität herzustellen. Die ältere Ali-Verehrung wurde zunächst wieder zurückgedrängt, lebt aber heute noch in den schiitischen Strömungen fort.

Der überlieferte Koran scheint wenig mit einem wirklichen Mohammed zu tun zu haben, stattdessen gab es lange vor Mohammed eine Art von Urkoran mit Hymnen aus einem arianischen Milieu. Der Koran ist in einem arabisch-syroaramäischen Sprachumfeld entstanden und seine grammatische Struktur entspricht durchweg der syrischen.

Der Felsendom von Jerusalem wird als das früheste islamische Bauwerk betrachtet (694 n.Chr.), aber die Übersetzung der Inschriften richtet sich ausschließlich an Christen, die seit dem Konzil von Nizea (325) eine andere Auffassung von Christus vertreten. Es entspricht dem vornizenischen syrischen Christentum, das nicht, wie es heute meist heißt, judenchristlich war, sondern zutreffender syrisch-arabisches Christentum darstellte.

"Saxa loquuntur", kann man da nur sagen ...

18 Dezember 2006

Gibt es etwas wie »rationale« Glaubensbegründung?

Im folgendem Thread http://paxvobis2.blogspot.com/2006/12/seht-unser-gott-kommt-mit-macht.html kam es zu einem recht interessanten Show-down von Argumenten über die Rationalität von Glaubensbegründungen. Da daraus ein Gutteil dieser Problematik herausgearbeitet wird, stelle ich meinen letzten Beitrag hier als Ausgangsposting eines neuen Threads ein:

@Anonym:
Vernunftgemäßheit ist keineswegs Ihr einziges Dogma
Habe ich auch nicht behauptet.

Sie nehmen axiomatisch an, daß die bekannten Naturgesetze auch für Gott unverletzlich sind (oder das Gott keinen Grund habe, mal eine Ausnahme zu machen, was aber nur noch vermessener ist), daß keine Kommunikation (Offenbarung) zwischen Gott und Mensch möglich ist und das Gott der Herr nach genauso solchen Maßstäben gemessen werden sollte, wie der Mensch etc.
Hier liegen ein paar Mißverständnisse vor. Ich stelle bloß fest, daß sämtliche "Wunder", die die Naturgesetze verletzen würden, bislang aus außerchristlichen (bzw. fürs AT: außerjüdischen) Quellen nie erweislich waren, womit für mich die Historizität derartiger Geschehnisse mehr als fraglich ist.
Ebenso erkläre ich nicht jegliche "Offenbarung" von vorneherein als denkunmöglich — ich ersuche nur um einen nachvollziehbaren Maßstab, wie ich denn unter all den angeblichen "Offenbarungen" die (angeblich) richtige finden soll, wenn nicht durch die Vernunft — aber genau diese führt dann eher dazu, die Authentizität jeglicher Offenbarung zu bezweifeln. Und was das Messen mit menschlichen Maßstäben betrifft: wenn ich das Anders-Sein Gottes betone, wird mir das vorgeworfen, wenn ich die analogia entis hervorkehre, wird mir das ebenso vorgeworfen — bitte entscheiden Sie sich doch ...

Ich kann auch nicht sehen wie "ein glaubenstreues Mitglied der RKK" mehr Axiomen anhängt. Die Axiome wären Jesus ist der Sohn Gottes und die Kirche von Ihm gegründet und von Ihm (bzw. dem Heiligen Geist) gehalten. Der Rest ergibt sich daraus.
Dann haben Sie ein klassisches selbstreferenzielles System. Die Kirche sagt, daß es eine Offenbarung gibt, aufgrund derer die von Jesus gegründete Kirche im Heiligen Geist gehalten immer die Wahrheit verkündet. Oder grundsätzlicher: die Kirche sagt, daß Gott sagt, daß die Kirche recht hat, wenn sie sagt, daß Gott sagt, daß die Kirche recht hat .... okay — das ist ja alles ganz toll überzeugend, wirklich!

Ich kann meinen ganzen Glauben vernünftig erklären.
Na, da bin ich gespannt ...

Es ist jedoch ersteinmal nicht vernünftig, die Augen vor einem Stück Realität zu verschließen, wie Sie es vor der Offenbarung tun.
Wenn die Offenbarung eines Realität ist, dann kann ich sie "beweisen", oder doch wenigstens angeben, unter welchen Bedingungen sie beweisbar wäre. Bitte, tun Sie das doch! Argumentieren Sie, bitte, warum die christliche Offenbarung wahr ist, alle anderen (ihr in entscheidenden Bereichen widersprechenden!) jedoch nicht. Viel Erfolg!

Sie können Sie natürlich gerne ablehnen und nicht annehmen, aber dies ist nicht ein reiner Vernunftakt sondern ein Akt des (negativen) Glaubens.
Wenn ich Ihnen gegenüber z.B. behaupte, ich hätte eine Privatoffenbarung erhalten, daß Bundespräsident Heinz Fischer "in Wirklichkeit" von einer Jungfrau geboren worden und der kommende Erlöser der Menschheit sei, so ist es kein "Akt des (negativen) Glaubens", sondern einer der Vernunft, wenn Sie mir vor näheren Beweisen der Authentizität dieser "Offenbarung" keinen Glauben schenken. Warum soll das in Ihrem Falle dann anders sein?

@str:
bisher kam noch keines Ihrer Postings ohne die Unterstellung aus, Ihr Gegenüber (ob nun ich oder Georg) hätte irgendwie Angst vor Ihren Ausführungen oder ein für Sie zu enges Weltbild.
Lesen Sie meine Postings, so werden Sie feststellen, daß obiger Satz nicht der Wahrheit entspricht. Außerdem wäre beides nicht von vorneherein als unhöflich oder unsachlich zu bezeichnen.

ich für meinen Teil habe nur keine Lust, sinnlos herumzudiskutieren, wenn Sie dann ständig das Thema verändern.
Wo verändere ich "ständig das Thema"? Im Gegenteil, mir wird sogar vorgeworfen, ich träte ständig dieselben Gedanken breit. "Mein" Thema ist in Wirklichkeit ziemlich eindeutig, nämlich: der (möglichst) rational nachvollziehbarer Diskurs über Glaubenssätze. Das mag Ihnen vielleicht nicht passen (auch mir "passen" Ihre Ausführungen nicht immer — aber damit muß ich eben leben), aber es ist nicht ein ständiges Themenwechseln.

Oder wenn Sie äußerst fragwürdige Forschungsmeinungen (und das ist gelinde gesagt) als sichere Warheit verkünden wohingegen der Konsens der wirklich nicht fundamentalistisch oder hardcore-katholischen Bibelwissenschaftler als enggeführte dogmatische katholische Sondermeinung hinstellen
Nein, das stimmt nicht: ich behandle fragwürdige Forschungsmeinungen nicht als sichere Wahrheit, sondern verwehre mich nur dagegen, wenn andere ihre fragwürdigen Ergebnisse mir als solche unterjubeln wollen. Ja, es stimmt: ich bevorzuge das in-Frage-stellen gegenüber dem (vermeintlich) sicheren Besitz der Wahrheit. Erkenntnisfortschritt erzielt man nämlich nicht durch "zu-wissen-glauben", sondern durch "in-Frage-stellen". Und was die Bibelwissenschaft betrifft, so können Sie in jedem einschlägigen Fachbuch die von mir angedeuteten Fragestellungen (hinsichtlich Datierung, Autorschaft, späteren Veränderungen und Redaktionen etc.) finden. Und dann ist es nur eine Frage der intellektuellen Redlichkeit (die Sie mir ja freundlicherweise absprechen), ob ich daraus die Schlüsse ziehe, die daraus in jedem anderen Falle auch gezogen würden: daß es nämlich äußerst unplausibel ist, daß Gott auf derartig krummen Zeilen jene Offenbarung geschrieben haben sollte, von der doch (angeblich) das Heil der Menschheit abhängt ...

13 Dezember 2006

Interreligiöse Schulfeiern

In seinem Blog Libertas Cara wirft Herr Kretschmar in seinem Artikel Fast richtig, Herr Kardinal! dem Kölner Erzbischof im Zusammenhang mit interreligiösen Schulfeiern unangemessene Radikalität, gar Fundamentalismus vor. Wiewohl über jeden Verdacht besonderer Meisner-Nähe erhaben, kam ich nicht umhin, darauf wie folgt zu reagieren:

Sie schreiben:
Er hat Recht.
Korrekt!
Doch wie so oft ist er zumindest in seiner Formulierung zu radikal und schießt so über das Ziel hinaus.
Das finde ich nicht. Welch "radikale" Formulierung hätte er denn gesagt? Wer den Text durchliest, wird — höchstens! — vorsichtig formulierte Selbstverständlichkeiten finden.
Anders als Meisner es schreibt, ist es Kindern aber durchaus zumutbar, bei Gebeten einer anderen Glaubensgemeinschaft schweigend zu zuhören
Und genau das funktioniert eben einfach nicht (waren Sie selbst noch nie in einer Schulmesse?). Denn es funktioniert bekanntlich schon nicht wirklich, daß Kinder bei Gebeten der eigenen Glaubensgemeinschaft schweigend zuhören, wie dann erst bei denen einer anderen, wenn sie die kaum verstehen, weil ihnen das notwendige Hintergrundwissen fehlt. Und wenn die christlichen Konfessionsgrenzen verlassen werden und es um Multi-Kulti-Veranstaltungen geht, dann ist überhaupt der Sinn solcher Events fragwürdig.
Oder glauben Sie etwa, daß ein Christ (sei er nun Katholik oder Protestant) Mohammed als den Propheten anzuerkennen beginnt, oder ein Moslem Christus als den am Kreuz gestorbenen Sohn Gottes und Teil der Dreifaltigkeit? Daß für den jeweils anderen (u.a.) diese Glaubenspunkte existieren, das beizubringen kann nicht der Sinn religiöser Veranstaltungen sein, das gehört in den Religions- bzw. Geschichtsunterricht.
Daher ist es zu begrüßen, wenn z.B. katholische Kinder an einer muslimischen Schulfeier teilnehmen.
Das gewählte Beispiel ist verräterisch. Warum schreiben Sie nicht umgekehrt: "Daher ist es zu begrüßen, wenn z.B. muslimische Kinder an einer katholischen Schulfeier teilnehmen"? Der Grund liegt auf der Hand: weil muslimische Kinder eben an einem katholischen Schulgosttesdienst nicht teilnehmen würden, es sei denn, dieser würde so umgeschrieben, daß er eigentlich nicht einmal mehr im Ansatz eine katholische Schulfeier ist — genaugenommen wäre höchstens eine "quasi-neutrale" Schulfeier, an der katholische Kinder und Erwachsene eben auch teilnehmen dürfen, von muslimischer Seite gerade noch akzeptabel (und auch das eben nur dann, wenn der "Heilige Koran" und "der Prophet" dabei nicht "herabgesetzt" — was das immer im weitesten aller Sinne bedeuten kann — wird).
Außerdem verfehlt dieser Ihr Ansatz völlig den Zweck religiöser Schulveranstaltungen. Sinn dieser Veranstaltungen ist nicht die Feier einer political correctness (die doch ohnehin landauf, landab in medialen Äußerungen und in allen Lehrveranstaltungen zelebriert wird), sondern eben den Angehörigen einer Konfession im schulischen Rahmen ein gemeinschaftliches Bekenntnis dieser ihrer Konfession zu ermöglichen.
Es mag ja durchaus Ihre Ansicht sein (ich hätte persönlich auch wenig dagegen einzuwenden), daß bekenntnisgebundene (oder auch nur in irgendeiner Weise religiöse) Veranstaltungen nichts an einer öffentlichen Schule zu suchen hätten — nur die Realität und Gesetzeslage ist eben nicht so! Es gibt (konkordatär gesicherten) schulischen Religionsunterricht und ebenso das Recht der Religionsgemeinschaft zu religiösen Feiern im schulischen Rahmen. Und die jeweilige Konfession ist dabei — im Rahmen der Gesetze — frei, ihre Vorstellungen über deren Gestaltung zu verwirklichen.
Dieser interreligiöse Austausch hilft nicht nur Vorbehalte gegenüber fremden Religionen und Kulturen abzubauen, es schützt auch die einladende Religionsgemeinschaft davor, sich selbst nicht mehr zu reflektieren und wehrt so fundamentalistischen Tendenzen.
Sie gestatten, wenn mir bei diesen Worten etwas das Schmunzeln kommt. Der angebliche Fundamentalistmus eines Kardinal Meisner ist nämlich so tolerant, daß er darin noch jeden "gemäßtigten" Imam bei weitem links überholt! Von "fundamentalistischen Tendenzen" in Deutschlands katholischer Kirche zu sprechen, hat schon fast einen satirischen Beigeschmack (eine Leseempfehlungin diesem Zusammenhang: Manfred Lütz, "Der blockierte Riese. Psycho-Analyse der katholischen Kirche").
Ein Blick in meinen Blog genügt um zu erkennen, daß ich nun wirklich nicht gerade als "katholischer Fundi" bezeichnet werden kann — aber Freiheit ist eben die Freiheit des Andersdenkenden. Hätte Meisner ein Verbot muslimischer religiöser Schulveranstaltungen gefordert, hätte ich ihn kritisiert. Aber zwangsweise einer Religionsgemeinschaft umzuhängen, sie dürfe nur ein Wischi-waschi-Interreligions-Gesülze veranstalten, ist ebenso illiberal! Sonst könnte man ebensogut verlangen, daß beim nächsten CDU-Parteitag Delegierte der PSD, SPD und FDP (und ebenso andersrum) teilnehmen müssen, um so in der CDU (etc.) "fundamenalistischen Tendenzen zu wehren". Was, hoffe ich wenigstens, wohl nicht ernstlich Ihre Meinung ist ...

Na, warten wir ab, was darauf als Antwort kommt ...

05 Dezember 2006

Zarathustra, Judentum und Christentum

Vor kurzem fand ich eine interessante Website unter dem Titel Comments on Zoroastrianism from a Unitarian Christian Perspective, in welcher sich eine Reihe von Überlegungen bezüglich des Einflusses des Zoroastrismus auf Judentum und Christentum finden. Betrachtet wird das Verhältnis aus dem Blickwinkel des Christlichen Unitarismus, einer vorwiegend in den U.S.A. beheimateten Glaubensrichtung freireligiöser bzw. freichristlicher Art, welche seit ihrer Gründung im 16. Jahrhundert v.a. in Siebenbürgen und Polen verbreitet war, und nach ihrer gewaltsamen Unterdrückung in Polen durch Emigranten nach England und den Niederlanden gebracht wurde.
In den englischen Kolonien Nordamerikas erlebte der Unitarismus vom späten 18. Jahrhundert bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts seine Blütezeit, wobei er allerdings zu keiner Zeit eine breite Anhängerschaft in der Bevölkerung hatte, sondern immer vorwiegend in akademischen und liberalen Zirkeln zu finden war.
In dieser Website wird auch ein kurzer Abschnitt der Frage gewidmet, was wir Christen eigentlich glauben sollten. Und der Verfasser Lewis Loflin bringt hier meines Erachtens in kurzen, einfachen Darlegungen alles wesentliche, wenn er schreibt:
WHAT ARE WE TO BELIEVE?
16th century Unitarianism was a product of the Renaissance where learning and exposure to Greek philosophy and history once again became available. Not only could the individual read the Bible themselves, but also became aware of what I just went through. There is much truth in the Bible if we learn to read it in a rational manner. Here is my view on the subject.
Paul never met Jesus so both him and his epistles are useless. He produced his own religion based on Gnosticism and bits and pieces of Eastern Religion and Platonism. He like many Gnostics thought "flesh" was evil and had a very negative view of humanity. He wrote only in Greek and was a product of Greek culture.
Much of John is also a Gnostic/Eastern view and is anti-Semitic. It's late date of writing and heavy use of Greek philosophy makes it certain not to have been authored by a Galilean fisherman named John. I consider it useless.
Of Matthew, Mark, and Luke, Jesus' message is in His parables and Sermon on the Mount. His audience was Jewish, but could apply to anyone. He put more emphasis on moral conduct and works than Jewish Law. He never said do away with the Law for Jews and the Law never applied to Gentiles to begin with. For Gentiles, even under Judaism, moral conduct and belief in God is all we need. The story should end with an empty tomb and a mystery just as the writer of Mark left it.
The claims of miracle stories were nonsense produced by the evangelists to promote belief. Magic sells then just as it sells today.
James presents the probable view that Jesus was in the Jewish mainstream. He didn't need to go to India or other nonsense because He could find the basis of his teaching there at home. The Galilee was on the border of Orthodox and Hellenistic Judaism. This India nonsense is the attempt of occultists and New Age types trying to recast a Jew into the form of a New Age Mystic.
Jesus was crucified by the Romans for sedition just like many others were. Crucifixion was reserved for state crimes against Rome and not for common thieves that would have been handled under local laws. The mere claim in any manner of being "King of the Jews" was a death sentence. If Jesus had been guilty of blasphemy, under Jewish law he would have been stoned.
Jesus believed in God the Father and prayed to Him, not to Himself. He was not divine. He believed in a God of love, not the violent tribal god. Be believed in heaven and an afterlife, and in demons and devils just like most people of those times. Jesus was not perfect, but He showed how to live and that we are all just human. His teaching and Commandments can be summed up in his own words:
"And when he was gone forth into the way, there came one running, and kneeled to him, and asked him, Good Master, what shall I do that I may inherit eternal life? And Jesus said unto him, Why call me good? There is none good but one, that is, God. You know the commandments, Do not commit adultery, Do not kill, Do not steal, Do not bear false witness, Defraud not, Honour thy father and mother. And he answered and said unto him, Master, all these have I observed from my youth. Then Jesus beholding him loved him, and said unto him, One thing thou lack: go thy way, sell whatsoever thou hast, and give to the poor, and thou shalt have treasure in heaven: and come, take up the cross, and follow me." (Mark 10:17-21)
Nothing about "faith alone" and He denies being God. Any person that uses their God-given reason can follow this. In Matthew 7:7, "Ask, and it shall be given you; seek, and ye shall find; knock, and it shall be opened unto you: or every one that ask receive; and he that seeks finds; and to him that knocks it shall be opened..." You have every right to ask and question.
How does Jesus sum up the whole Bible? "Therefore all things whatsoever ye would that men should do to you, do ye even so to them: for this is the law and the prophets."
What is it you do not understand?
In diesen wenigen Absätzen wird mehr Sinnvolles über den Glauben ausgesagt, den wir haben sollten, als in ganzen Kompendien über die Gnadenlehre und ähnliche Fragen.

30 November 2006

Interpretation des Kreuzestodes Christi

Kollege Georg meinte im vorhergehenden Thread "Erlösung durch ein Kreuzesopfer Christi?" nicht ohne Recht:
Vielleicht ist dies ein neuer Denkanstoß: zum Ursprung der Deutung des Kreuzestodes Jesu, der für seine jüdischen Anhänger ja mehr als eine Katastrophe und Niederlage war ( bedenke: "Verflucht ist wer am Pfahl hängt"), zurückzukehren und sie als Frucht der Erfahrung der Auferstehung und des Pfingstereignisses zu sehen. Auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen bekommt der skandalöse Kreuzestod Jesu einen ganz neuen, unerhörten Sinn für die gerade entstehende Kirche.
So kommen wir in der Tat immer näher den zentralen Fragen danach, was wir eigentlich glauben und warum, wenn wir es glauben. Aber grenzen wir hier einmal ein paar Fragen(komplexe) ein, damit sich die Diskussion nicht ins uferlose verliert:
(Off-topic) Zur Frage der Historizität Jesu Christi bzw. des Kreuzestodes:
Wenngleich es auch Theorien gibt, die die Historizität des Kreuzestodes Christi, und sogar die Historizität Jesu Christi selbst, bestreiten, so denke ich doch, daß es für beides hinreichende Gründe für ihre Annahme gibt. Jedenfalls möchte ich in diesem Thread nicht darüber eine Diskussion anfangen. Wir stellen also außer Streit, daß um die Zeitenwende in Palästina irgendein Jesus Christus, der mitreißende Predigten hielt und aufsehenerregende Taten (insbesondere Krankenheilungen) wirkte, existiert hat und ebendieser Jesus unter Pontius Pilatus als Hochverräter zum Kreuzestod verurteilt und gekreuzigt wurde.
Die Fragen, die zu diskutieren wir hier unternehmen wollen, und zu denen ich ganz kurz ein erstes Statement aus meiner Sicht abgebe, sind:
1. Wann entstand die Interpretation der Kreuzigung als "Kreuzesopfer"?
Diese Deutung entstand erst lange (d.h. generationenlang) nach dem Ereingnis selbst. Die vermutlich frühesten außerbiblischen Quellen "christlichen" Glaubens — u.a. der 1. Clemensbrief — wissen noch nicht wirklich etwas davon.
(Anm: Warum der Bezug zu außerbiblischen Glaubensquellen? Einfach deshalb, weil die biblischen Texte durch die Lehrentwicklung immer wieder umgeschrieben und bearbeitet wurden, sodaß bei weniger wichtigen Texten vermutlich eine älteree Texttradition leichter "überleben konnte")
2. Worin bestand die "Auferstehungserfahrung" und was war das Verständnis des Pfingstereignisses der Jünger Christi?
Hier denke ich, daß eine "Auferstehungserfahrung" im strengen Sinne nicht bestand, sondern erst durch Ätiologie, also die bald einsetzende Legendenbildung im Jüngerkreis, entstanden ist.

25 November 2006

Erlösung durch ein Kreuzesopfer Christi?


Ein gelehrter Anonymus (Anm. des "Blogwarts": bitte wählen Sie sich einen Nickname, es macht die Zitation leichter und hebt die Übersichtlichkeit in längeren Threads. Sie können das, indem sie unterhalb des Schreibfeldes die Option "Sonstiges" anklicken und in das Feld "Name" einen — möglichst unverwechselbaren — Nickname hineinschreiben. Danke!) schrieb im vorhergehenden Thread folgendes Posting zu meiner Nebenbemerkung über die Absurdität der Annahme eines "Kreuzesopfers Christi":

zum gedanken der buße durch das kreuz: was die poster zuvor schrieben, ist (wie Sie sicher wissen) reinster anselm - kontextuelle theologie des 11. jahrhunderts im besten sinn.
die argumentation, die bei ihm dahinter steht, ist dem germanischen lehensrecht geschuldet: eine verletzung der ehre des herrn ist zweifach beantwortbar - entweder durch ein poena oder durch satisfactio.
a) die poena scheidet aufgrund einiger gründe aus (strafe muss die tat aufwiegen - dafür müsste gott aber, da seine ehre unendlich ist, dem menschen auch etwas unendliches wegnehmen, und das könnte nur dessen bestimmung zu unendlichem glück sein; das tut er aus gründen der barmherzigkeit nicht).
b) die satisfactio hat natürlich ein ähnliches problem - wie soll eine wiedergutmachung für ein unendliches verbrechen aussehen? da der mensch sie nicht leisten kann, sie aber vom menschen ausgeht, muss gott mensch werden - und am kreuz sterben.
das klärt, wie ich meine, für heute kaum etwas (weil sich die anfragen verschoben haben und das germanische lehensrecht, nun ja, nicht mehr allzu en vogue ist - schon thomas kritisierte anselm für seine ideen), ist aber dennoch ein feines stück theologischen nachdenkens.
Die Argumentation hinkt gewaltig, und das hat sogar Thomas v. Aquin gesehen, der doch im Hamsterrad der post-augustinischen Theologie festsaß (als Dominikaner blieb ihm schließlich keine andere Wahl, selbst wenn er sie hätte treffen wollen).
Die Einwände sind aus meiner Sicht recht klar:
  1. Warum verletzt meine Sünde "die Ehre Gottes". Wäre Gott nicht sehr unvollkommen, wenn das Fehlverhalten eines Stäubchens Mensch auf einem Stäubchen Erde irgendwo nahe dem Rande einer unbedeutenden Galaxis namens Milchstraße Seine Ehre verletzte? Nehmen wir uns da nicht viel zu wichtig?
  2. "die poena scheidet aufgrund einiger gründe aus" schreiben Sie, da die Ehre Gottes unendlich ist. Ganz recht, nur warum sollte dann eine Beleidigung dieser Ehre ebenso "unendlich" sein und daher eine unendliche Strafe heischen? Wieso kann ich nicht eine unendliche Ehre endlich beleidigen? Ist es nicht vielmehr so, daß ich eine unendliche Ehre in Wahrheit überhaupt nicht "beleidigen" kann? Was nimmt meine Ehrenbeleidigung von einer unendlichen Ehre weg, daß ich deshalb zu bestrafen wäre? Bestrafen Sie etwa den Dieb eines Sandkorns in der Sahara (wiewohl die Menge der Sandkörner in der Sahara bei weitem nicht unendlich ist)?
  3. "dafür müsste gott aber, da seine ehre unendlich ist, dem menschen auch etwas unendliches wegnehmen, und das könnte nur dessen bestimmung zu unendlichem glück sein; das tut er aus gründen der barmherzigkeit nicht" schreiben Sie (bzw. bereits Anselm). Nur — stimmt das denn überhaupt? Wäre schlichtes Verzeihen nicht barmherziger, nein: einzig wahrhaft barmherzig? Wäre es vielmehr nicht angebrachter, den Sünder seine Sünde, insoweit sie andere schädigte, gerecht büßen zu lassen (denn diese haben ja einen zu ihren beschränkten Gütern proportionalen Schaden erlitten), die Verletzung der Ehre Gottes (so es diese begrifflich überhaupt geben kann) hingegen als vernachlässigbar geringen, ja strenggenommen ex definitione nicht bemeßbaren Schaden gänzlich außer Acht zu lassen?
  4. Und was die satisfactio betrifft: warum bedürfte diese (wenn sie überhaupt notwendig wäre, was ich mit guten Gründen bezweifle) einer Menschwerdung Gottes? Warum bedürfte sie eines Kreuzestodes? Hier begibt sich die Theologie auf glattes Eis und reißt regelmäßig einen Kapitalsturz. Wenn Gott tatsächlich Mensch wurde und seine Handlungen und Leiden daher nicht nach menschlichem, sondern nach göttlichem Maße zu gewichten sind, dann wäre jede Handlung, jedes Leiden dieses "Gottmenschen" unendlich verdienstlich (wie uns auch die Theologen klassischerweise lehren) und daher per se schon genug, alle Sünden aller Menschen aufzuwiegen. Warum hat sich Gott via Christus nicht damit begnügt, die Erlösung der Menschheit z.B. durch sein Leiden bei der Beschneidung zu bewirken?

Wer wie Anselm freilich aus Gott einen grimmigen Lehensfürsten macht, der eifersüchtig über seine Ehre wacht, damit ihm die Lehensmannen in Furcht dienen, der hat sich damit alle Antworten bereits selbst fabriziert. Bis auf eine: warum ich das deswegen schon glauben sollte ...

12 Oktober 2006

Apokatastasis und Theodizee

Die Verkündigung ewiger Höllenqualen ist wohl für jeden Menschen, der nicht bereits in einer vorgefaßt "christlichen" Richtung konditioniert ist, das fundamentale Glaubenshindernis schlechthin. Versuchen wir daher diese komplexe Frage möglichst umfasend, jedoch zugleich "undogmatisch" anzugehen.

Folgende Statements werden von religiösen Menschen wohl allgemein geteilt werden:
1. Gott ist allmächtig (d.h. mächtiger als seine gesamte Schöpfung) und allwissend.
2. Gott ist gerecht in seinem Urteil.
3. Gott ist gütig/gnädig/barmherzig (wie man das nun immer nennen will).
4. Gott will die Rettung aller Menschen.

Ausgehend von diesen Grundthesen kann man aber sehr wohl gute Gründe finden, warum eine Allversöhnung anzunehmen ist.

1. Wenn Gott allmächtig ist (Mk 10,27) und die Rettung aller Menschen will (vgl. 1 Tim 2,4; 2.Petr 3,9), wäre er bei ewiger Verdammnis bestimmter Menschen zumindest diesen gegenüber keineswegs gütig. Dann wäre es nämlich von ihm besser gewesen, er hätte diesen Menschen nie ins Dasein treten lassen (statt ihn zu ewigen unvorstellbaren Qualen zu verdammen) - und das wäre seiner Allmacht auch jederzeit möglich gewesen. Also wäre Gott entweder nicht allmächtig und allwissend, oder nicht gütig oder hätte nie ernstlich die Rettung aller Menschen gewollt (denn er konnte ja die endgültige Verdammnis dieser von ihm geschaffenen Menschen voraussehen).

2. Doch auch mit Gottes Gerechtigkeit kommen die Befürworter ewiger Höllenstrafen ziemlich ins Schleudern. Gerecht ist eine Strafe, die einer Schuld proportional ist. Und eine notwendigerweise (da von Menschen gesetzte) endliche Schuld wird durch eine unendliche Strafe nicht proportional vergolten. Dagegen wird seitens der Schultheologie klassischerweise argumentiert, daß jede Sünde eine Beleidigung Gottes sei und bei einer Beleidigung stets das Maß des Beleidigten anzusetzen sei (also bei Gott: unendlich!), die Genugtuung jedoch stets nach dem Maß des Genugtuenden (also, da nur von Menschen, endlich) bemessen werde. Hier muß dann immer das Bild vom König, der durch einen Bettler beleidigt wird, herhalten (ich halte das für, gelinde gesagt, einen krassen Antropomorphismus). Noch unwohler wird einem allerdings, wenn man sich vorstellt, für welche Dinge "handelsüblich" ein Aufenthalt in der Hölle angedroht wird - z.B. beim Abfall vom Glauben.

Beispiel: Herr X beginnt mehr und mehr am christlichen Glauben zu zweifeln, liest eine Menge Bücher, denkt nach und kommt schließlich zum Schluß: Gott gibt es vermutlich gar nicht, und wenn doch, so kann ich ihn wenigstens nicht erkennen. Im übrigen ist Herr X nicht gerade ein Unmensch. Seine Mitarbeiter schätzen ihn als gerechten und freundlichen Chef, er spendet (ohne groß darüber zu reden) für alle möglichen guten Zwecke, übervorteilt nicht schamlos seine Geschäftspartner etc. - nur: er glaubt eben einfach nicht mehr an Gott. Irgendwann kommt er beim Spaziergang bei einer Kirche vorbei, als ihn ein vom Turm fallender Dachziegel blitzartig in die Hölle verfrachtet. Er wird dort unausdenklichen Qualen unterzogen, gegen die alle Qualen in Auschwitz oder im Archipel Gulag noch die reinste Sommerfrische sind (wird uns wenigstens gesagt). Und das nicht lumpige paar Jahre (wie in Auschwitz), nicht 1000 Jahre, nicht eine Million Jahre, nicht eine Milliarde Jahre - sondern ewig.

Und jetzt fragt sich: ist diese ewige Bestrafung eines solchen Menschen gerecht? Meines Erachtens: nein.

In einer Diskussion bekam ich einmal folgende Erklärung angeboten, wie Gottes Gerechtigkeit und Güte zusammengehen könnten. Der Diskussionspartner meinte: Gott sei eben gerecht gegenüber unseren Sünden, die er proportional nach ihrer Schwere bestrafe (soweit wir sie nicht bereits auf Erden abbüßen konnten/mußten), vergelte aber unsere guten Werke in seiner Güte überproportional mit ungleich größerer Seligkeit. Mir erschien dieser Gedanke ungleich plausibler und zur Lehre Christi passender, als jene typisch "christliche" Selbstsicht des Menschen als eines verworfenen Wurmes, der nur durch eine blutige Kreuzigung Christi gerettet werden kann.

Hiezu wird uns natürlich sofort mit Titus 2, 11 erklärt: "Denn die Gnade Gottes ist erschienen heilbringend allen Menschen". Damit sei klar, dass Gott für die ganze Welt e i n Opfer gebracht hat, um die Welt zu retten. Da nicht jeder dieses Opfer annimmt, kann auch nicht jeder an dem teilhaben, wozu Jesus uns gemacht ist - nämlich "Gerechtigkeit - Heiligkeit - Weisheit - Erlösung" (1 Kor 1,30).

Das setzt allerdings voraus, daß man den Kreuzestod Christi als Opfer zur Errettung der Welt interpretiert. Das ist zwar die herkömmliche Interpretation, doch sie erscheint völlig hahnebüchen, wenn man sie sich logisch durchdenkt: Da schafft Gott aus freien Stücken eine Welt, der er nach seinem Belieben Gesetze gibt. Auf dieser Welt gibt es schließlich Menschen, die einen freien Willen haben und sich nachweislich nicht immer an die Gebote Gottes halten. Was macht nun Gott? Um es ein wenig salopp zu formulieren, spricht Gott zu sich also: "Eigentlich könnte ich durch einen Weltuntergang das alles vernichten, insbesondere die sündigen Menschen, aber ich will ihnen noch eine Chance geben: ich sende meinen Sohn auf die Erde, damit sie ihn am Kreuz umbringen. Dann bin ich hinsichtlich der bereits begangenen Untaten und aller anderen, die in Zukunft passieren werden, zufriedengestellt und die Welt ist gerettet."

Hand auf's Herz: und das soll jemand glauben? So richtig wirklich, ganz ernst gemeint? Verkneifen wir sicherheitshalber uns die Feinheit, daß bei Annahme der herkömmlichen Trinitätslehre Gott sich dadurch versöhnen läßt, daß er sich selbst als Opfer sich selbst darbringt (das nur so nebenbei) ...

Halten wir es da lieber mit dem guten alten Pelagius (und seinem großen Schüler Julianus von Eclanum), der in seiner Theologie hinreichend dargelegt hat, wie man seinen Intellekt auch ohne einen dreifachen Salto rückwärts zur Erklärung des Glaubens einsetzen kann.

20 September 2006

Päpstliche Äußerungen und andere Mißverständnisse

Wenn jetzt der Vatikan — nach hektischen Beratungen zwischen Kardinal Vorsichtl und Monsignore Rücksichtl — knieweich und windelgefüllt zurückrudert, werden die Folgen schlimmer sein, als wir uns das jetzt ausmalen. Schön langsam wird die Scharia faktische Wirklichkeit in unseren Landen. Statt den Moslems und ihren demagogischen Führern im Westen zu sagen: "Wenn ihr euch nicht zivilisiert benehmen könnt, landet ihr wegen Landzwang — vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Landzwang — im Gefängnis", weicht man zurück und erlegt sich Sprech- und Denkverbote auf. Und wenn einer darauf hinweist, dann wird er taxfrei zum "Nazi" und "Ewiggestrigen" ernannt.

Wenn man den bloßen Wortlaut nimmt, hat der Papst das Wort "Entschuldigung" freilich nicht gebraucht. Allerdings sagte er einiges, was zusammengenommen genau eine Entschuldigung ausmacht:
"Der Heilige Vater bedauert daher zutiefst, dass einige Passagen seiner Rede als Beleidigung des Empfindens gläubiger Muslime klingen konnten"
"Indem er seinen Respekt und seine Hochachtung gegenüber denen unterstreicht, die sich zum Islam bekennen, wünscht sich der Papst, dass man ihnen helfe, seine Worten in ihrem richtigen Sinn zu verstehen."
Nur: was heißt das im Endeffekt? Der Papst hat ein Zitat Manuels II von Byzanz angeführt, in welchem dem Islam vorgeworfen wird, seine Religion mit Gewalt verbreiten zu wollen, und zwar nicht nur de facto (das tat ja auch das Christentum!), sondern eben auch programmatisch! Während im Christentum in der beklagenswerten Vergangenheit die Praxis aus einem (friedlichen) Missionsbefehl lt. Mt. 28, 18-20 einen kolonialistische Zwangsbekehrung machte (wie z.B. in Süd- u. Mittelamerika), ist im Islam die gewaltsame Verbreitung des Islam fest im Koran verankert (ein Moslem ist eben nur ein guter Moslem, wenn er auch zum heiligen Krieg bereit ist, ein Christ hingegen ist ein guter Christ nur dann, wenn er auch zum Martyrium bereit ist). In beiden Fällen wird die Suppe nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wurde: der Moslem wird sich vielleicht nicht bewaffnet auf "Ungläubige" stürzen, sondern bloß duch Demonstrationen und das ach so beliebte Verbrennen von Fahnen und Strohpuppen "Druck machen". also eine "Heiligen Erpressung" statt "Heiliger Krieg". Und der Christ wird vielleicht Karrierenachteile in Kauf nehmen etc. Blut wird in beiden Fällen bei den meisten nicht fließen …

Wenn nun der Papst "… seine Hochachtung gegenüber denen unterstreicht, die sich zum Islam bekennen …", und nicht dazusagt, daß eben genau dieses aggressive Verhalten der Moslems vom Koran gefordert wird und in der heutigen Welt inakzeptabel ist, dann macht er einen Rückzieher. Dann erklärt er: "Das wollte ich doch gar nicht sagen!" Nur: was wollte er denn dann sonst damit sagen?!

Wollte er seinen "Hochachtung" für aggressives und repressives Verhalten von Moslems unterstreichen? Wollte er es als okay bezeichnen, daß Christen in moslemischen Ländern seit jeher (und heute eher noch stärker als noch vor einigen Jahrzehnten!) unter massivem moslemischem Druck stehen, politisch und wirtschaftlich benachteiligt werden, ihre Religionsfreiheit praktisch überall marginalisiert wird, soferne christliches Bekenntnis nicht überhaupt ein Strafdelikt darstellt, wie in Saudi-Arabien? WOllter er das damit sagen? Wohl kaum, werden Sie jetzt einwenden. Nein, sicherlich nicht — aber das ist leider die Botschaft, die jetzt rüberkommt!

Und hier fange ich mich zu wundern an: ein hochintelligenter, akademisch versierter Mann, der seit Jahrzehnten als Kardinal und Chef der Glaubenskongregation weiß, daß jedes Wort aus seinem Mund auf die Goldwaage gelegt wird, der soll auf einmal "mißverständlich" etwas gesagt haben? Und jetzt dieses "Mißverständnis" mit dem Ausdruck des Bedauerns korrigieren? Das glaube ich einfach nicht. Wenn es wirklich so wäre, dann wäre es eine überaus blamable Panne des Vatikan. Denn da muß es doch Leute geben, die Papst-Ansprachen gegenlesen und ggf. Korrekturen vorschlagen.

Das Zitat überdies war ein m.E. entbehrliches — es hätte eine Menge weniger kontroversielle Beispiele gegeben. Wenn also der Papst genau dieses Zitat wählt, und dann eher beiläufig davon zum Thema Gewaltlosigkeit weiterschreitet, dann denke ich mir: er wolle offenbar — auf leicht verschleierte Weise, natürlich! — den Islam als Religion der immanenten Gewaltbereitschaft kennzeichnen (womit er leider auch völlig recht hätte)! Nur darf er über dieses zitierte Urteil von Manuel II. dann nicht sagen, er habe "… nicht beabsichtigt und beabsichtigt keinesfalls, es sich zu eigen zu machen." Damit macht er sich völlig unglaubwürdig! Denkt er nun, der Islam sei immanent gewaltbereit, oder denkt er das nicht?

Leider hat der Papst in dieser "Klarstellung" nicht nur Dinge gesagt, die er besser nicht gesagt hätte — er hat ebenso auch Dinge nicht gesagt, die hätte sagen müssen:

  • daß es ein Skandal ist, wenn in der Türkei dem Patriarchat von Konstantinopel seit Jahrzehnten gesetzwidrig ein Priesterseminar verweigert wird.
  • daß es ein Skandal ist, daß das öffentliche Bekenntnis des Christentums in Saudiarabien ein verbrechen ist.
  • daß es ein Skandal ist, wenn in Nigeria Stück um Stück die Scharia als Gesetzesquelle eingeführt wird und die Christen dieses Landes zunächst durch Progrome eingeschüchtert und von moslemischen Milizen entweder getötet, vertrieben oder zwangs"bekehrt" werden.
  • daß es ein Skandal ist, daß in Pakistan, Indonesien, Algerien, dem Sudan und den anderen Staaten der Sahelzone das Christentum, das dort ohnedies eine marginale Minderheit ist, systematisch verfolgt wird, daß am laufenden Band Geistliche ermordert und Kirchen abgefackelt werden. Und schließlich noch
  • daß es höchst verräterisch ist, daß auf einige Worte aus seinem Mund in den Straßen der islamischen Welt gewalttätigen Demonstrationen losbrechen und Morddrohungen gegen ihn ausgesprochen werden, denn wer zu Unrecht beschuldigt wird, widerlegt die Beschuldigung und kündigt nicht an, den Beschuldiger umzubringen.

Das alles (nein, überfordern wir ihn nicht: wenigstens irgendwas davon) hätte Benedikt sagen sollen, ja müssen — und hat es nicht getan. Leider!

Was ich hier bemängle ist, daß der Papst zuerst eine mutige Ansage macht, und dann wegen der — keineswegs unvorhersehbaren! — Reaktion zurückrudert. Wenn er schon so etwas sagt, dann muß er auch konsequent bleiben. Dann muß er zumindest sagen: "Selbst wenn ihr mir vorwerft, ich hätte euch ungerechtfertigt als gewaltgeneigt bezeichnet, dann ist eure Reaktion die eindrucksvolle Bestätigung, daß meine Meinung gerechtfertigt ist."

Ja, selbst wenn sich der Papst darauf beschränkt hätte, von einem Mißverständnis zu sprechen, wäre das zwar nicht umwerfend mutig gewesen, aber hätte eben noch irgendwie eine "diplomatische" Berechtigung! Aber er erklärt vielmehr jetzt ausdrücklich, er habe "… nicht beabsichtigt und beabsichtigt keinesfalls, es [Anm.: das Urteil Manuels II. über den Islam] sich zu eigen zu machen." Und genau das ist das tatsächliche Problem an diesem Beschwichtigungsversuch, denn dadurch sagt der Papst: "Manuel II hat den Islam zu Unrecht als gewaltgeneigt bezeichnet." Wenn er das tatsächlich glaubt (was ich mir nicht vorstellen kann — er ist ja weder blind noch blöd!), dann frage ich mich: was hat ihn geritten, daß er dann das Zitat anführte. Wenn er es aber nicht glaubt — was reitet ihn jetzt, aus "Diplomatie", um nicht "Öl ins Feuer zu gießen", schlicht und einfach den Islam und seine immanente Gewaltbereitschaft zu beschönigen, daß sich die Balken biegen? Wenn nämlich Benedikt Manuel II zitiert und dann fortfährt:

"Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Herausgeber, Theodore Khoury, kommentiert dazu: Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist dieser Satz evident. Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit. […] Ist es nur griechisch zu glauben, daß vernunftwidrig zu handeln dem Wesen Gottes zuwider ist, oder gilt das immer und in sich selbst? Ich denke, daß an dieser Stelle der tiefe Einklang zwischen dem, was im besten Sinn griechisch ist, und dem auf der Bibel gründenden Gottesglauben sichtbar wird."

dann gibt Benedikt zu verstehen, daß er diesen "griechischen Ansatz" offenkundig teilt, mehr noch: daß er ihn für essentiell christlich hält. Dieser Befund erhärtet sich auch in seinem negativ konnotierten Verweis auf den scotistischen Voluntarismus der Spätscholastik. Wer so argumentiert, der hält offenbar Gott an die Regeln der Vernunft gebunden und findet von da einen Zugang zum Diskurs (im Gegensatz zur "Überzeugung durch Unterwerfung" — das Wort "Islam" heißt ja übersetzt: "Unterwerfung"!).

Wenn der Papst nun sagt, er teile dieses Urteil Manuels II nicht, was will er dann sagen? Hier gibt es den "Knackpunkt" in der Argumentation. Man kann natürlich sagen, Manuel II häte seinen — an sich richtigen — Befund durch die schroffe Formulierung entwertet, weil er dadurch den Gegner erbittert und einen Diskurs damit verunmöglicht hätte. Nur: dann darf der Papst nicht sagen "er teile das Urteil Manuels nicht", sondern er teile es, halte es in seiner Form jedoch für unklug vorgetragen! Wenn jemand genau die Grundlage eines zitierten Arguments für seine eigene, weitere Argumentation verwendet, kann er nicht gleichzeitig behaupten, er teile ebendiese Grundlage nicht.

Es ist in gewisser Weise eine "no win"-Situation, das ist mir schon klar. Aber auch eine solche wird dadurch nicht besser, daß man einer Erpressung nachgibt, wenn man dafür nicht nachhaltig einen Vorteil für sich erwarten kann. Nur — worin sollte der angesichts dieses Islams, wie er eben real existiert und terrorisiert, bestehen?

Kurz gesagt:

  • wenn Benedikt nicht wußte was er eigentlich sagte, muß ich mich wundern, warum so jemand Papst ist.
  • wenn er etwas anderes sagen wollte, muß ich mich wundern, warum er ein so mißverständliches, ja überflüssiges Zitat verwendet.
  • wenn er jedoch das sagen wollte, was er in seiner Zitation andeutete, dann muß ich mich wundern, welche Amtsauffassung er hat.

Lenin meinte einmal, die Kapitalisten würden noch den Strick verkaufen, an dem man sie aufhängen will. Und der Papst will offensichtlich lieber keine Probleme mit dem aufgehetzten Mob in den islamischen Ländern riskieren, statt Klartext zu sprechen - so, wie ich es befürchtet hatte. Hätten die Urchristen ähnlich rückgratlos agiert, wäre das Christentum spätestens unter Nero ausgestorben.

06 September 2006

Der Sonnengesang

Zwei Texte zum Vergleich:

Sonnengesang des Echnaton
Schön erscheinst du im Horizonte des Himmels, du lebendige Sonne, die das Leben bestimmt! Du bist aufgegangen im Osthorizont und hast jedes Land mit deiner Schönheit erfüllt. Schön bist du , groß und strahlend, hoch über allem Land.
Deine Strahlen umfassen die Länder bis ans Ende von allem, was du geschaffen hast. Du bist Re, wenn du ihre Grenzen erreichst und sie niederbeugst für deinen geliebten Sohn. Fern bist du , doch deine Strahlen sind auf Erden; du bist in ihrem Angesicht, doch unerforschlich ist dein Lauf.
Gehst du unter im Westhorizont, so ist die Welt in Finsternis, in der Verfassung des Todes. Die Schläfer sind in der Kammer, verhüllten Hauptes, kein Auge sieht das andere. Raubt man alle ihre habe, die unter ihren Köpfen ist - sie merken es nicht. Jedes Raubtier ist aus seiner Höhle gekommen, und alle Schlangen beißen. Die Finsternis ist ein Grab, die Erde liegt erstarrt, ist doch ihr Schöpfer untergegangen in seinem Horizont.
Am Morgen aber bist du aufgegangen im Horizont und leuchtest als Sonne am Tage; du vertreibst die Finsternis und schenkst deine Strahlen. Die Beiden Länder sind täglich im Fest, die Menschen sind erwacht und stehen auf den Füßen, du hast sie aufgerichtet. Rein ist ihr Leib, sie haben Kleider angelegt, und ihre Arme sind in Anbetung bei deinem Erscheinen, das ganze Land tut seine Arbeit.
Alles Vieh ist zufrieden mit seinem Kraut, Bäume und Kräuter grünen. Die Vögel sind aus ihren Nestern aufgeflogen, ihre Schwingen preisen deinen ka. Alles Wild hüpft auf den Füßen, alles, was fliegt und flattert, lebt, wenn du für sie aufgegangen bist. Die Lastschiffe fahren stromab und wieder stromauf, jeder Weg ist offen durch dein Erscheinen. Die Fische im Strom springen vor deinem Angesicht, deine Strahlen sind im Inneren des Meeres.
Der du den Samen sich entwickeln läßt in den Frauen, der du »Wasser« zu Menschen machst, der du den Sohn am Leben erhältst im Leib seiner Mutter und ihn beruhigst, sodass seine Tränen versiegen – du Amme im Mutterleib! - der du Atem spendest, um alle Geschöpfe am Leben zu erhalten. Kommt (das Kind) aus dem Mutterleib heraus, um zu atmen am Tag seiner geburt, dann öffnest du seinen Mund vollkommen und sorgst für seine Bedürfnisse. Du Küken im Ei, das schon in der Schale redet – du gibst ihm Luft darinnen, um es zu beleben. Du hast ihm seine Frist gesetzt, die Schale zu zerbrechen im Ei; es geht hervor aus dem Ei, um zu sprechen zu seiner frist, es läuft schon auf den Füßen, wenn es herauskommt aus ihm.
Wie zahlreich sind deine Werke, die dem Angesicht verborgen sind, du einziger Gott, dessengleichen nicht ist! Du hast die Erde geschaffen nach deinem Wunsch, ganz allein, mit Menschen, Vieh und allem Getier, mit allem was auf der erde ist, was auf den Füßen herumläuft und allem, was in der Höhe ist und mit seinen Flügeln fliegt.
Die Fremdländer von Syrien und Nubien, dazu das Land Ägypten – jeden stellst du an seinen Platz und sorgst für seine Bedürfnisse, ein jeder hat seine Nahrung, seine Lebenszeit ist bestimmt. Die Zungen sind verschieden im Reden, ebenso ihre Wesenszüge; ihre Hautfarbe ist verschieden, denn du unterscheidest die Völker.
Du schaffst den Nl in der Unterwelt und bringst ihn herauf nach deinem Willen, die Menschen am Leben zu erhalten, da du sie geschaffen hast. Du bist ihrer aller Herr, der sich abmüht an ihnen, du Herr aller Lande, der für sie aufgeht, du Sonne des Tages, gewaltig an Hoheit! Selbst alle fernen Fremdländer erhältst du am Leben, hast du doch einen Nil an den Himmel gesetzt, dass er zu ihnen herabkomme und Wellen schlage auf den Bergen, wie das Meer, um ihre Felder zu befeuchten mit dem, was sie brauchen. Wie wirksam sind deine Pläne, du Herr der Ewigkeit! Den Nil am Himmel, den gibst du den Fremdvölkern und allem Wild der Wüste, das auf Füßen läuft; aber der wahre Nil kommt aus der Unterwelt nach Ägypten.
Deine Strahlen säugen alle Felder - wenn du aufgehst, leben sie und wachsen für dich. Du schaffst die Jahreszeiten, um alle deine Geschöpfe sich entwickeln zu lassen - den Winter, um sie zu kühlen, die Sommerglut, damit sie dich spüren. Du hast den Himmel fern gemacht, um an ihm aufzugehen und alles zu schauen, was du geschaffen hast. Einzig bist du, wenn du aufgegangen bist, in all deinen Erscheinungsformen als lebendiger Aton, der erscheint und erglänzt, sich entfernt und sich nähert; du schaffst Millionen von Gestalten aus dir allein - Städte, Dörfer und Äcker, Wege und Strom. Alle Augen sehen sich dir gegenüber, wenn du als Sonne des Tages über dem Land bist.
Wenn du gegangen bist, dein Auge nicht mehr da ist, das du um ihretwillen geschaffen hast, damit du nicht dich selber siehst als Einziges, was du geschaffen hast - auch dann bleibst du in meinem Herzen, und kein anderer ist, der dich kennt, außer deinem Sohne Nefercheperure Uanre, den du dein Wesen und deine Macht erkennen läßt. Die Welt entsteht auf deinen Wink, wie du sie geschaffen hast. Bist du aufgegangen, so leben sie, gehst du unter, so sterben sie; du bist die Lebenszeit selbst, man lebt durch dich. Die Augen ruhen auf Schönheit, bis du untergehst, alle Arbeit wird niedergelegt, wenn du untergehst im Westen.
Der Aufgehende stärkt alle Arme für den König, und Eile ist in jedem Fuß. Seit du die Welt gegründet hast, erhebst du sie für deinen Sohn, der aus deinem Leib hervorgegangen ist, den König Beider Ägypten, Nefercheperure Uanre, den Sohn des Re, der von Maat lebt, den Herrn der Diademe, Echnaton, groß in seiner Lebenszeit, und die Große Königsgemahlin, die er liebt, die Herrin beider Länder, Nofretete, die lebendig und verjüngt ist für immer und ewig.

Psalm 103
Lobe den Herrn, meine Seele! Herr, mein Gott, wie groß bist du! Du bist mit Hoheit und Pracht bekleidet. Du hüllst dich in Licht wie in ein Kleid, du spannst den Himmel aus wie ein Zelt. Du verankerst die Balken deiner Wohnung im Wasser. Du nimmst dir die Wolken zum Wagen, du fährst einher auf den Flügeln des Sturmes. Du machst dir die Winde zu Boten und lodernde Feuer zu deinen Dienern.
Du hast die Erde auf Pfeiler gegründet; in alle Ewigkeit wird sie nicht wanken. Einst hat die Urflut sie bedeckt wie ein Kleid, die Wasser standen über den Bergen. Sie wichen vor deinem Drohen zurück, sie flohen vor der Stimme deines Donners. Da erhoben sich Berge und senkten sich Täler an den Ort, den du für sie bestimmt hast.
Du hast des Wassern eine Grenze gesetzt, die dürfen sie nicht überschreiten; nie wieder sollen sie die Erde bedecken.Du läßt die Quellen hervorsprudeln in den Tälern, sie eilen zwischen den Bergen dahin. Allen Tieren des Feldes spenden sie Trank, die Wildesel stillen ihren Durst daraus. An den Ufern wohnen die Vögel des Himmels, aus den Zweigen erklingt ihr Gesang. Du tränkst die Berge aus deinen Kammern, aus deinen Wolken wird die Erde satt.
Du läßt Gras wachsen für das Vieh. auch Pflanzen für den Menschen, die er anbaut, damit er Brot gewinnt von der Erde und Wein, der das Herz des Menschen erfreut,damit sein Gesicht von Öl erglänzt, und Brot das Menschenherz stärkt. Die Bäume des Herrn trinken sich satt, die Zedern des Libanon, die er gepflanzt hat. In ihnen bauen die Vögel ihr Nest, auf den Zypressen nistet der Storch. Die hohen Berge gehören dem Steinbock, dem Klippdachs bieten die Felsen Zuflucht.
Du hast den Mond gemacht als Maß für die Zeiten, die Sonne weiß, wann sie untergeht. Du sendest Finsternis, und es wird Nacht, dann regen sich alle Tiere des Waldes. Die jungen Löwen brüllen nach Beute, sie verlangen von Gott ihre Nahrung. Strahlt die Sonne dann auf, so schleichen sie heim, und lagern sich in ihren Verstecken. Nun geht der Mensch hinaus an sein Tagwerk, an seine Arbeit bis zum Abend.
Herr, wie zahlreich sind deine Werke! Mit Weisheit hast du sie alle gemacht, die Erde ist voll von deinen Geschöpfen. Da ist das Meer, so groß und weit, darin ein Gewimmel ohne Zahl: kleine und große Tiere. Dort ziehen die Schiffe dahin, auch der Leviatan, den du geformt hast, um mit ihm zu spielen.
Sie alle warten auf dich, daß du ihnen Speise gibst zur rechten Zeit. Gibst du ihnen, dann sammeln sie ein; öffnest du deine Hand, werden sie satt an Gutem. Verbirgst du dein Gesicht, sind sie verstört; nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie hin und kehren zurück zum Staub der Erde. Sendest du deinen Geist aus, so werden sie alle erschaffen, und du erneuerst das Antlitz der Erde.
Ewig währe die Herrlichkeit des Herrn; der Herr freue sich seiner Werke. Er blickt auf der Erde, und sie erbebt; er rührt die Berge an, und sie rauchen. Ich will dem Herrn singen, solange ich lebe, will meinem Gott spielen, solange ich da bin. Möge ihm mein Dichten gefallen. Ich will mich freuen am Herrn. Doch die Sünder sollen von der Erde verschwinden, und es sollen keine Frevler mehr dasein! Lobe den Herrn, meine Seele! Halleluja!
***
Die Parallelen – und auch die Unterschiede – beider Texte liegen auf der Hand. Aber es sind doch die Parallelen, die ins Auge springen, die die Naturlyrik des Psalms als Nachklang auf jene große, geistesgeschichtlich einzigartige Tat des Echnaton lenken, der als erster einen Gott als Schöpfer und Erhalter der gesamten Menschheit benannt hat. Und sympatischer, großzügiger als der Psalmist verzichtet Echnaton auch auf den Gedanken eines Strafgerichtes über die Sünder, die der Psalmist von der Erde vertilgt sehen möchte – und so die reine Anbetung mit Rachegedanken herabmindert.